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Mehr Mut zur Disziplin

Viele Unternehmer beklagen die schulische und soziale Kompetenz von Berufsanfängern. Doch diese praktische Erfahrung ist nur das Ergebniss eines generellen Erziehungsproblems, findet Bernhard Bueb und plädiert
für eine Erziehung zu mehr Selbstdisziplin und Verantwortung.


Sinnbild für eine disziplinierte Haltung: Friedrich der Große. Der Preußenkönig vereinte in seiner Person Autorität und Güte - eindrucksvoll eingefangen in dem berühmten Portrait Anton Graffs.

Der Trainer führte seine Schüler mit harter Hand durch die hohe Schule des Handballs. Zügig flog der Ball von Mann zu Mann, ein atemberaubendes Tempo ließ auch den Zuschauern das Herz schneller schlagen, präzise und wie nach einem geheimen Plan bewegten sich die Spieler. Intellektuell und körperlich verlangte der Trainer höchste Anstrengung. Handballtraining hieß bei ihm, eine Gruppe durchtrainierter junger Menschen zu strategischem Denken, taktisch wendigem Zusammenspiel und zu einer Haltung des Fair Play zu führen.
Was zunächst wie eine Folge schneidender Befehle klang, wurde von den Spielern als fortlaufende Liebeserklärungen erlebt. Die Führung seiner Schüler mit Disziplin und Liebe bildete das Geheimnis seines Erfolges. Mit jedem Handballtraining demonstrierte er, was Erziehung bedeuten kann. Dieser Trainer war Lehrer und Erzieher am Internat Salem, er war Argentinier, sein Anspruch an sich und die Schüler erinnerte eher an Preußen als an Südamerika. Wie er die Handballmannschaft trainierte, so erzog er seine Schüler im Internat. Die Schüler liebten und verehrten ihn. Wir anderen Lehrer und Erzieher bewunderten, wie er mit Konsequenz und Fürsorge die Jugendlichen erreichte; wir beneideten ihn auch ein wenig, daß er so unbefangen mitten im Deutschland der Jahre nach 1968 Disziplin forderte. Sein Erziehungsstil fand erstaunlicherweise allgemeine Zustimmung in einem Umfeld, das Erziehung eher als verständnisvolle Begleitung aufwachsender junger Menschen propagierte, weil die Leidenschaft seiner Zuwendung und sein pädagogischer Eros jeden Einwand theoretisch und dürr erscheinen ließen. Es gibt geborene Lehrer und Erzieher, er war so einer.

Eine Nation von Nicht-Erziehern

Führen oder wachsen lassen – so charakterisieren wir traditionell die gegensätzlichen Pole der Erziehung. Sie lassen sich im Bild des Töpfers oder des Gärtners anschaulich darstellen. Der Erzieher, der das Bild des Töpfers zu seiner Leitidee erkoren hat, will den jungen Menschen formen, er greift ein, steuert, fordert heraus, diszipliniert, schafft Freiräume, um ihn auf die Selbständigkeit vorzubereiten, ja er wird ihn in die Selbständigkeit und Freiheit zwingen. Wer sich am Bild des Gärtners orientiert, wird eher darauf achten, daß der junge Mensch gute Bedingungen des Aufwachsens vorfindet, er wird ihn mehr fördern als fordern, weniger eingreifen, aber darauf vertrauen, daß er sich selbst diszipliniert, also wenig Zwang und Autorität braucht.
Der Töpfer und der Gärtner repräsentieren zwei legitime Stile der Erziehung, die in Reinform selten vorkommen, meistens treffen wir eine Mischung mit einer Neigung zum einen oder anderen Pol an. Beide Stile bergen Gefahren in sich, der Stil des Töpfers kann in autoritäre Erziehung ausarten und der Stil des Gärtners in Nicht-Erziehung. Wir wollten nach den Erfahrungen einer autoritären Erziehungstradition, die in einer Diktatur endete, eine Nation von Gärtnern werden, sind aber zu einer Nation von Nicht-Erziehern geworden, denn es herrscht das Mißverständnis, daß der Gärtner auf Führung verzichten dürfe. Aber auch er greift ein, beschneidet die Pflanzen, bindet sie an Stangen und bewahrt sie vor Befall und Fehlentwicklung, wenn er ein guter Gärtner sein will.
Der Bildungsnotstand in Deutschland ist die Folge eines Erziehungsnotstandes. Kinder und Jugendliche werden heute nicht mehr aufgezogen, sondern wachsen einfach auf. Sie sind umgeben von ungewollt aggressiv präsenten Erziehern: vom Fernsehen, vom plakativen Wohlstand unseres Landes, von den Verführern der Konsumgesellschaft, von den Vorbildern eines geistigen und charakterlichen Mittelmaßes, das unsere „Eliten“ repräsentieren. Zukunftserwartungen, die Jugendliche zu Taten beflügeln könnten, sind Zukunftsdrohungen gewichen: die strukturbedingte Arbeitslosigkeit, die Sinnentleerung unseres Daseins, auch verursacht durch den Verlust der Religion, die Vergreisung der Gesellschaft, die Ausbeutung der Lebensgrundlagen der Menschen, die Herrschaft des Geldes als letzter sinngebender Instanz – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Wem die Zukunft verloren geht, der wird nicht an sich arbeiten, sich nicht mehr anstrengen und keinen Idealen nachstreben.
Den mangelnden Zukunftsaussichten treten wir nicht durch Erziehung entgegen. Wie können wir durch Erziehung und Bildung Jugendliche zu Zuversicht und Lebensmut führen, und wie können wir sie überhaupt erreichen?
Erziehung bedeutet immer Führung, diese Wahrheit wird durch den Begriff „Pädagoge“ bestätigt. Er stammt aus dem Griechischen und heißt Knabenführer. Wer führt, erwartet Gefolgschaft. Da Kinder nicht gehorsam geboren werden, ignorieren sie Anweisungen, rebellieren gegen Erziehungsmaßnahmen, missachten Gebote und wenden alle Mittel an, um ihren eigenen Willen durchzusetzen.


Dreißig Jahre lang hat Bernhard Bueb die Eliteschule Schloß Salem geleitet. Der renommierte Pädagoge gilt als einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Erziehungswesens. Erstmals hat er seine provokanten Thesen jetzt in einem Buch zusammengestellt (Lob der Disziplin. Eine Streitschrift; 176 Seiten, 18 Euro, Ullstein, ISBN 3471795421)

Disziplin in der Erziehung legitimiert sich durch Liebe

Mut zur Erziehung heißt vor allem Mut zur
Disziplin. Disziplin ist das ungeliebte Kind der Pädagogik, sie ist aber das Fundament aller Erziehung. Disziplin verkörpert alles, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneten Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens. Disziplin setzt an die Stelle des Lustprinzips das Leistungsprinzip: Jede Einschränkung ist erlaubt oder sogar geboten, die dem Erreichen eines gesetzten Zieles dient. Disziplin beginnt immer fremdbestimmt und sollte selbst-bestimmt enden, aus Disziplin soll immer Selbstdisziplin werden. Disziplin in der Erziehung legitimiert sich nur durch Liebe zu Kindern und Jugendlichen.
Erziehung ist immer Werteerziehung und folgt einem Bild vom Menschen. Die Christen sehen sich als „gefallene Natur“, die einmal als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, die Kommunisten glaubten an den durch egalitäre ökonomische Verhältnisse altruistisch gewordenen Menschen, die Nationalsozialisten verstiegen sich zum Zerrbild des arischen Herrenmenschen. Wir können nur den Weg der Aufklärung gehen. Sie hat die Menschlichkeit des Menschen zum Leitbild erhoben und einen Kanon von Werten und Rechten als verbindlich erklärt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschenliebe, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Werte der Aufklärung sind nichts anderes als säkularisierte christliche Werte.
Die fundamentalen Werte unserer Kultur und Moral werden ernsthaft von niemandem bezweifelt, aber ihre Umsetzbarkeit in Tugenden sehr wohl. Nicht der Verfall der Werte ist das Problem unserer Zeit, sondern der Verfall des Glaubens, daß diese Werte auf die Erde geholt werden können, daß die Menschen ihnen in ihrem Leben noch eine Chance geben. Der Auftrag der Erziehung lautet gleichwohl, den Glauben an die Umsetzbarkeit der Werte in Tugenden bei jungen Menschen zu stärken. Der Satz „Der Ehrliche ist der Dumme“ drückt den Zweifel an der Umsetzbarkeit des Wertes der Wahrheit aus, weil die Realität und die aus der unzulänglichen Realität gewonnenen Argumente stärker sind als der Glaube an die Durchsetzbarkeit der Wahrheit. Die Ideen und Ideale, an denen wir die unvollkommene Wirklichkeit erkennen, haben ihre Kraft verloren. Das hängt auch mit dem Verlust der Religion zusammen. Der Wert der Wahrheit wandelt sich nicht durch Argumente zur Tugend der Ehrlichkeit, sondern durch Vorbilder und durch ihre erziehende Wirkung. Es gibt die öffentlichen Vorbilder in der Gesellschaft. Wir leben in dürftiger Zeit, was ihre Zahl und Überzeugungskraft angeht.

Wir psychologisieren zuviel

Wir sind in Deutschland Meister der Inkonsequenz. Der Mangel an konsequenter Erziehung macht Eltern, Lehrern, Erziehern und Kindern das Leben schwer. Wir können keine Regel aufstellen, ohne gleich drei Ausnahmen zu machen, wir psychologisieren zu viel und wir fürchten, daß die Härte, die jede Konsequenz mit sich bringt, die Zuneigung der Kinder vermindert.
Da im Gegensatz zur Dressur Konsequenz in der Erziehung keine mechanische Haltung ist, sondern an der Konsequenz sich auch die Kunst und Meisterschaft des Pädagogen zeigt, möchte ich zwei Bedingungen nennen, die in meinen Augen erfüllt sein müssen, wenn konsequente Erziehung gelingen soll.
Konsequente Erziehung braucht Zeit. Ich habe mich immer wieder zur Inkonsequenz verführen lassen, weil der nächste Termin drängte und ich den Konflikt nicht in Ruhe zu Ende führen konnte. Wenn Kinder merken, daß Vater oder Mutter unter Zeitdruck stehen, haben die Eltern schon verloren. Eilige Mahlzeiten verhindern, Manieren einzuüben. Konsequent Manieren beim Essen zu üben, verlängert die Mahlzeiten. Pflichten im Haushalt zu erfüllen, braucht Zeit. Wie oft greifen Mütter selbst zum Besen, weil es sonst so lange dauert.
Die Härte von Konsequenz wird für Kinder und Jugendliche akzeptabel durch Humor. Die heiter-gelassene Betrachtung der Ungereimtheiten menschlichen Verhaltens nennen wir Humor. Zu den ersten Zeichen des „geistigen“ Erwachens eines Kindes gehört das Lächeln. Humor ist ein Merkmal der Güte. Erziehende, denen es an Güte und Humor mangelt, sollten ihren Beruf sofort aufgeben. Wer dagegen Kindern und Jugendlichen mit Humor begegnet, hat schon ihre Herzen gewonnen.

Erziehung muß zum ersten Thema der Nation werde

Bei der Suche nach der rechten Mitte zwischen den Gegensätzen Gerechtigkeit und Güte, Disziplin und Liebe, Konsequenz und Fürsorge, Kontrolle und Vertrauen müssen wir lernen zu gewichten, wir müssen aber vor allem lernen, uns nicht verführen zu lassen, der Güte, der Liebe und der Fürsorge immer den Vorrang zu geben. Wir wachsen alle in einer Kultur auf, in der Härte und Strenge den Geruch des Unmenschlichen an sich haben; wir fürchten, die Zuneigung von Kindern und Jugendlichen durch Konsequenz zu verlieren und sind um die psychischen Folgen von Disziplin besorgt. Uns mangelt die Erkenntnis, daß Strenge stärken und zuviel Fürsorge schwächen kann. Bei der Suche nach der rechten Mitte lautet heute die Empfehlung: mehr Mut zur Strenge. Ich erinnere an das Bild des Schiffers, der sich nach rechts neigt, wenn sich das Schifflein nach links neigt, und umgekehrt. Wir müssen uns in den kommenden Jahren eher zur Seite der Gerechtigkeit, Disziplin, Kontrolle und Konsequenz neigen. Die Zukunft Deutschlands wird davon abhängen, daß wir die bewußte Erziehung unserer Kinder, orientiert an gemeinsamen Maßstäben und Überzeugungen, programmatisch zum ersten Thema der Nation machen, daß wir unsere Tatkraft, unsere Phantasie und unser Geld in den Dienst der Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen stellen. Nur durch offensiv betriebene Erziehung und Bildung und den Mut, konsequent die anerkannten Werte in Tugenden bei jungen Menschen zu wandeln, können wir Kinder und Jugendliche für ein Leben mit wenigen Zukunftserwartungen stärken.



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