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Vielleicht klappt es mit den Leihomas

Plötzlich hat Politik und Gesellschaft das Thema Kinder entdeckt – 30 Jahre zu spät? Fragliche Programme wie das „Bündnis für Familie“ sollen es richten. Hasso von Blücher, Unternehmer aus Erkrath, berichtet, was man ganz konkret in seiner Kommune und seinem Betrieb tun kann. Und warum die Gesamtproblematik doch viel tiefer liegt.




Als Vater kann ich Ihnen sagen, meine Kinder haben mein Leben sehr bereichert und bereichern es noch immer, gerade bin ich Großvater geworden. Als Unternehmer versuche ich auf drei verschiedenen Feldern, Familien- und Kinderfreundlichkeit zu praktizieren: in den Firmen der Blücher-Gruppe, im Rahmen des Stadtentwicklungs-Projektes „Posemarré“ in Erkrath und als Vorstand des Vereins „Erkrath initial“.
Unsere Firmenfeiern gestalten wir oft als Familienfeiern. Kinder von Mitarbeitern dürfen grundsätzlich, wenn sie wollen, ihre Eltern in der Firma besuchen. Wenn Väter oder Mütter mit ihren Kindern zum Arzt müssen oder sonst eine dringende Besorgung erledigen, können sie das, nach Absprache mit ihrem Abteilungsleiter, ohne Formalitäten tun. Der Arbeitsbeginn am Tag kann grundsätzlich mit den Öffnungszeiten der Kindergärten koordiniert werden. Bei Eheschließungen und Geburten gibt es ein größeres Geldgeschenk von der Firma, bei Scheidungen einen Gutschein für ein Schokoladenfachgeschäft. Alle Kinder von Firmenangehörigen bekommen zum Geburtstag ein kleines Geschenk von der Firma, die Mitarbeiter übrigens auch.
Auf einer anderen Ebene liegen unsere Anstrengungen bei dem Projekt „Posemarré“. Wir planen dort ein komplettes Quartier, ein Viertel, mitten im Zentrum von Alt-Erkrath. Es wird ein Generationen übergreifendes Quartier, in dem ganz gezielt eine Mischung von älteren Menschen, die ihren letzten Lebensabschnitt dort verleben wollen, und jungen Familien mit kleinen Kindern angestrebt wird.
Gemeinsam mit einer großen Wohlfahrtsorganisation werden wir ein neues soziales Konzept für das Zusammenleben von alt und jung, Single und Familie realisieren. Es wird ein zentrales Quartiers-Management geben mit einer eigens dafür gegründeten Firma, die alle haushaltsnahen Dienstleistungen kommerziell anbietet und zusätzlich freiwillige soziale Aktivitäten im Viertel koordiniert. Vielleicht klappt es ja mit den Leihomas. Im gesamten Quartier wird es kaum Autoverkehr geben, Kinder haben ein Höchstmaß an Sicherheit, es gibt Wege, Gassen, Plätze, Brunnen, wo sie gefahrlos spielen und die Welt jenseits von Gameboy und Fernsehen erkunden können.

„Kinder in Bewegung“

Darüber hinaus habe ich vor einigen Jahren den Verein „Erkrath initial“mitgegründet. Ziel des Vereins ist es, Unternehmen, Institutionen und interessierte Bürger zu vernetzen, hauptsächlich, um in Erkrath Kinder und Jugendliche zu fördern. Einige ausgewählte Beispiele: In diesem Jahr ist die Initiative „Erkrather Kinder in Bewegung“ angelaufen, ein Riesenerfolg, an dem jetzt bereits 1.800 Erkrather Kinder teilnehmen. „Business English“ und „Woche der Naturwissenschaften“ für alle Zehntklässler der Gymnasien haben sich zu etablierten und erfolgreichen Veranstaltungen entwickelt. Schüler-Büchereien, die Anschaffung von Musikinstrumenten und Sportmaterial für Grundschulen werden bezuschußt.

Gleichgültigkeit gegenüber den
fundamentalen Fragen

Nun erreicht uns aus Berlin die Aufforderung, ein „Bündnis für Familie“ zu schmieden. Auslöser sind wohl die erschütternden Zahlen: bei den Geburtenraten sind 223 Staaten erfaßt, an der Spitze Niger, Uganda und Afghanistan mit knapp 50 Geburten pro 1.000 Einwohner. An letzter Stelle liegen die Falkland-Inseln mit einer Geburt auf 1.000 Einwohner, also ein Promille. Und an drittletzter Stelle Deutschland mit 8,33 Geburten pro 1.000 Einwohnern. Das entspricht etwa 1,4 Kindern pro Frau und Jahr. Eine Geburtenrate, die zur Folge hat, daß die heute in Deutschland lebende Bevölkerung sich in etwa 40 Jahren halbiert haben wird. Die Bundesrepublik Deutschland veraltert mit rasanter Geschwindigkeit, Renten und Sozialsysteme drohen zu kollabieren.
Im Rückblick ist es erschreckend, mit welcher Gleichgültigkeit diese langfristigen und fundamental wichtigen Fragen behandelt wurden. Im Jahre 1982 lagen die ersten umfassenden Analysen der Professoren Biedenkopf und Miegel vor. Die Politik jedoch versperrte sich jeder Einsicht. Blüm wurde damit zum beliebtesten Sozialpolitiker der Nachkriegszeit.
Jetzt sollen wir etwas tun – ein Bündnis für Familie schmieden. Eine Broschüre von 13 Seiten, die sich in 17 Abschnitten mit unserem Thema beschäftigt, soll uns aufklären. An drei Stellen finden wir kurze Hinweise darauf, wie sich das Klima verbessern läßt: „...Busfahrpläne und Ampelschaltungen, Familienpässe fürs Hallenbad… - flexible Kinderbetreuungsangebote…- … familienfreundliches Wohnumfeld… - neue Arbeitszeitregelungen...“. Mehr gibt die Broschüre nicht her.
Ich meine, daß das Ziel nicht klar definiert ist. Erstens: wir sollten nicht von „Bündnis für Familie“ sprechen, weil wir uns mit Sicherheit nicht mehr darauf einigen können, was eigentlich eine Familie bedeutet. Zweitens: wir sollten klar und deutlich sagen, daß es sich um Kinder handelt, und zwar darum, daß wir in dieser Gesellschaft mehr Kinder haben wollen. Drittens: schlechte Busfahrpläne und schlechte Ampelschaltungen sind sicherlich nicht ursächlich für die bestürzend niedrige Geburtenrate in Deutschland. Dort, wo in Deutschland das Angebot an Kindertagesstätten am größten ist, in den neuen Bundesländern, liegen die Kinderzahlen am niedrigsten. Es müssen andere Gründe sein, die für die zunehmende Kinderlosigkeit verantwortlich sind.


Hasso von Blücher ist Gründer und Inhaber der Blücher Gruppe, die – mit Produktionsstätten in Deutschland und den USA – weltweit adsorptive Verbundstoffe vertreibt.

Die Integration ist gescheitert

Woran liegt es, daß in den USA und in Irland etwa 14 Kinder pro 1.000, in Frankreich etwa zwölf und in Deutschland nur etwa acht pro 1.000 geboren werden? Seit 1972 sterben in unserem Land mehr Menschen als geboren werden – jede nachfolgende Kindergeneration ist um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Vor einigen Wochen sagte eine GRÜNEN-Abgeordnete aus Württemberg, die Rede, daß die Deutschen aussterben würden, sei Unsinn. Unser Land würde immer mehr als 80 Millionen Einwohner haben, möglich sei allerdings, daß die „straßenköterblonden Deutschen“ ausstürben, aber darum sei es auch nicht schade.
Richtig an dieser aggressiven Aussage ist, daß Deutschland sich in den letzten Jahrzehnten faktisch und gegenläufig zu allen politischen Debatten, Programmen und Beschwörungen zum Einwanderungsland gewandelt hat. Mittlerweile leben hier mehr als zwölf Millionen Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden oder nicht die deutsche Nationalität besitzen: das ist die weltweit zweitgrößte zugewanderte Bevölkerung nach jener in den USA.
Die Integration der hier lebenden Ausländer ist weitgehend gescheitert, die dritte Generation spricht oft schlechter deutsch als die zweite und ist auch nicht so leistungsbereit wie ihre Eltern und Großeltern, nachdem sie die Segnungen des deutschen Sozialstaates erfahren hat. In Berlin sind 40 Prozent der arbeitsfähigen männlichen Türken arbeitslos, bundesweit können etwa 30 Prozent der türkischen Kinder weder richtig türkisch noch deutsch sprechen. Hier hat sich, abgeschirmt vom verführerischen Begriff der multikulturellen Gesellschaft, ein neues Sub-Proletariat heran gebildet, mit stabilen Dynastien von Sozialhilfe-Empfängern. Leider werden diese Menschen keinerlei konstruktive Beiträge zu unserem Sozialstaat und unserer Kultur leisten, sondern stellen ein permanentes soziales Risiko dar, das unsere Gesellschaft mit enormen Kosten belastet. Ich verstehe nicht, wie man die Augen vor diesen Tatsachen verschließen kann. Wir sind ein Einwanderungsland und müssen dieses endlich mit einer vernünftigen Gesetzgebung anerkennen.

Wer sich selbst haßt, will sein Unglück nicht vererben

Noch so gut gemeinte Verbesserungen von Familienfreundlichkeit sind, angesichts dieser grundsätzlichen Problematik, immer nur kosmetischer Natur. Wenn wir das Problem nicht an der Wurzel packen, wird unsere Gesellschaft und unsere Kultur, wie wir sie heute kennen, sich auflösen. Die Lähmung und die Handlungsunfähigkeit angesichts klarer Fakten sind sehr sonderbar und bedürfen einer Erklärung.
Ich glaube, daß starke Gründe sowohl für die dramatisch niedrige Fertilität in Deutschland als auch für die Unfähigkeit unserer politischen Klasse zu Analyse und vernunftgeleitetem Handeln in tiefen Schichten der deutschen Seele zu suchen sind. Die Deutschen lehnen ihre Vergangenheit in Bausch und Bogen ab und sind deshalb nicht zukunftsfähig. Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus’ wirken umso traumatischer, je weiter sie entfernt rücken. Die Deutschen mögen sich nicht, und dieses Sich-Nicht-Mögen kann sich zum Selbsthaß steigern.
1995 sagte Trittin, damals Umweltminister in Hannover, angesichts der 500.000 Asylanten pro Jahr „das seien noch viel zu wenige,
es müßten drei oder vier Millionen pro Jahr sein, damit den Deutschen endlich das völkische Element ausgetrieben würde“. Die Deutschen, so schreibt der jüdische Autor Norman Finkelstein, suhlen sich in Schuldgefühlen, und diese Schuldgefühle werden im Inland von einer sonderbaren Kultur-Mafia, einer Art Wächterrat für political correctness, am Leben erhalten und verfestigt. Der radikalste Versuch in dieser Richtung war die von Josef Fischer aufgestellte Behauptung, daß deutsche Identität sich nur durch Auschwitz definieren lasse. Es gibt also, laut Fischer, nichts Positives aus der deutschen Geschichte zu erinnern. Das ist der pure Selbsthaß, von dem sich eine ganze Generation infizieren ließ. Und wer sich selbst haßt, will sein Unglück nicht vererben.

Loblieder auf Deutschland

Der Rotary Club Neandertal, dem anzugehören ich die Ehre habe, hat in diesem Jahr, wie jedes Jahr, einen Rhetorik-Wettbewerb ausgeschrieben. Der Titel war „An Deutschland denken“, teilgenommen haben Erkrather und Düsseldorfer Schulen. Den 1. Preis gewann eine 20jährige Ukrainerin, die gerade ihren deutschen Paß bekommen hatte und seit ihrem 12. Lebensjahr in Deutschland lebt. Den 2. Preis gewann ein in Deutschland geborener 19jähriger Japaner. Beide haben in ihren Beiträgen eine große Liebe zu Deutschland gezeigt, beide haben ein Loblied auf Gesellschaft, Wesen, Technik und Kultur der Deutschen gesungen. Formulierungen, die ein „normaler“ Deutscher in seinem Selbstzweifel und seiner kulturellen Orientierungslosigkeit kaum mehr aussprechen würde.
Nur, wenn wir unsere Kultur, unsere Geschichte kennen und bejahen, können wir unseren kollektiven Selbsthaß überwinden, werden wir wieder massenweise Mut zu Kindern haben und die Zukunft gewinnen, und nur dann gibt es eine Chance, daß sich nicht weitere Parallelgesellschaften bilden.
Wie ich aus anderen Städten gehört habe, kommt manchmal bei den Bündnissen für Familie die eine oder andere sinnvolle Einzelmaßnahme heraus, oft aber verwässert sich alles in Beliebigkeit. Das sollten wir vermeiden. Wie wäre es, wenn wir uns auf ein überprüfbares Ziel einigen würden, nämlich, daß alle in unserer Kommune lebenden Kinder ordentlich deutsch zu sprechen lernen, hinreichend mit der deutschen Kultur vertraut würden und einen Schulabschluß machen? Wir könnten damit ein Zeichen setzen, das die politischen Verblendungen überstrahlt.



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