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Macht, Moneten und Moral

Der Jahreswechsel mit seinen besinnlichen Tagen gibt auch
Gelegenheit zum Nachdenken über die moralischen Wertmaßstäbe des eigenen unternehmerischen Handelns. Dafür braucht man
nicht unbedingt die unzähligen Publikationen des Modethemas
„Wirtschaftsethik“, sondern kann auf den abendländischen Kanon der vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß zurückgreifen – meint Pater Basilius Streithofen.


Passen Werte und Wirtschaft zusammen?

Welche moralischen Normen für das wirtschaftliche und soziale Handeln können das Bewußtsein der Politiker, Unternehmer und Manager formen? Wie gut oder schlecht sind politische und wirtschaftliche Entscheidungen? Nach welchen Wertmaßstäben sind sie zu beurteilen?
In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, ebenso in der Philosophie, verhält es sich teilweise wie in der Haute Couture. Die Modeschöpfer in Paris und Rom, New York und London entwerfen für alle Jahreszeiten immer wieder Neues. Konfektionäre übernehmen weltweit den neuen Trend. Ähnlich verhält es sich mit den Moden in den zeitgenössischen Morallehren. Ein Modethema ist seit Jahren die „Wirtschaftsethik“. Aber was einige Sozial- und Wirtschaftsethiker bedeutungsschwer verkünden, das kann man schnell vergessen. Die Altersgeschwindigkeit ihrer Thesen nimmt rapide zu.
Dagegen ist die klassische Morallehre nicht so altmodisch, so überholt, wie sie oft dargestellt wird. Die Lehre von den Kardinaltugenden, angewendet auf das politische, wirtschaftliche und soziale Handeln, kann in dieser moralisch orientierungslosen Zeit vielleicht weiterhelfen. Die Griechen Platon und Aristoteles, die Römer Cicero und Seneca, der jüdische Philosoph Philon und die Christen Clemens von Alexandrien, Augustinus und besonders Thomas von Aquin wußten den Rang der Kardinaltugenden zu schätzen.

Die Klugheit

Unter den Kardinaltugenden nimmt die Klugheit den ersten Platz ein. Warum? Der Wille des klugen Menschen wird geformt von der Wahrheit der Seinsordnung, der Wirklichkeit, nicht des Wunschdenkens.
Die Klugheit lehrt, das Gute, was auch immer das für den einzelnen ist, nicht rücksichtslos durchsetzen zu wollen. Sie soll eigene und fremde Fehler erkennen und dafür sorgen, daß sie nicht die politischen und unternehmerischen Zielsetzungen gefährden. Wer gut überlegt im Hinblick auf ein besonderes Ziel, beispielsweise den Verkauf eines Produktes, ist klug in einem Teilbereich. „Schlechthin klug“ aber ist derjenige, der gut überlegt im Hinblick auf das Ganze des guten Lebens.
Die Aufgabe dieser Kardinaltugend richtig zu verstehen, ist für den modernen Menschen schwierig. Der Kluge ist nicht der schlaue Taktiker, der gerissene Verhandlungspartner, der mit „allen Wassern Gewaschene“. Der Kluge erwägt das, was fern ist, insofern es hingeordnet ist auf die Förderung oder Hinderung gegenwärtiger
Aufgaben.

Die Gerechtigkeit

Der allgemeine Grundsatz der Gerechtigkeit heißt: Was du nicht willst, daß man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu. Anders formuliert: was du wünschest, daß man dir tut, das tue auch den Mitmenschen.
Es gibt viele Themen für eine politische oder Wirtschaftsmoral, die unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit behandelt werden können. Wie ist zum Beispiel der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ zu beurteilen? Ist er ein politisches Schlagwort? Ein demagogischer Gummiknüppel, mit dem man auf den Gegner rhetorisch einschlagen kann? Fest steht: Es gibt keinen sozialistischen, gewerkschaftlichen oder sozialdemokratischen Monopolanspruch auf diesen Begriff. Die „soziale Gerechtigkeit“ ist nur eine andere Bezeichnung für die gesetzliche oder Gemeinwohlgerechtigkeit und für die austeilende Gerechtigkeit. Zwischen Gerechtigkeitsforderungen und wirtschaftlicher Sachgerechtigkeit besteht kein Gegensatz, sondern eine wechselseitige Beziehung. Damit eine Handlung wirtschaftsmoralisch in Ordnung ist, muß sie sachlich in Ordnung sein.
Die Herausforderungen der sozialen Gerechtigkeit lassen sich an den Forderungen an eine zeitgemäße, erfolgreiche Unternehmensführung verdeutlichen. So hat die Unternehmensleitung in erster Linie für das Gemeinwohl des Unternehmens zu sorgen. Das Unternehmen muß sachgesetzlich nach seinen Zielsetzungen geführt werden und Gewinne machen; es muß schwarze Zahlen schreiben, selbst wenn es ein „rotes“ Unternehmen ist.
Eine schwere Verletzung der Gerechtigkeit ist die Bestechung oder Korruption. Korruption und Prostitution sind uralte Laster. Beide wurden und werden bekämpft und müssen bekämpft werden. Zu beseitigen sind sie nicht, höchstens einzudämmen.


Heinrich Basilius Streithofen OP hat zahlreiche Bücher und Medienbeiträge veröffentlicht und galt als Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. 1925 in Anrath bei Krefeld geboren, trat er nach Abschluß einer kaufmännischen Lehre, Militärdienst und Abitur in den Dominikanerorden ein und studierte fortan Philosophie und Theologie. Von 1958 bis 1962 war er als Seelsorger in Düsseldorf tätig. Anschließend studierte er Nationalökonomie und Sozialethik an der Universität Freiburg/Schweiz und promovierte dort. Seit 1994 ist er Vorsitzender des Instituts für Gesellschaftswissenschaft Walberberg e.V. in Bonn.

Die Tapferkeit

Tapferkeit (fortitudo = Stärke) ist die Festigkeit und Entschlossenheit des Geistes, ein als richtig erkanntes Vorhaben durchzusetzen. Der tapfere Politiker oder Unternehmer läßt sich durch keine Schwierigkeiten von seinem als wertvoll erkannten Ziel abbringen.
Die Tapferkeit steuert die Erregungen
des Gemütes, Furcht und Kühnheit nach dem Urteil der Vernunft. Sie hält die von der
Klugheit verlangte „rechte Mitte“ zwischen Furchtsamkeit und tollkühner Verwegenheit. Sie bewährt sich im Ertragen von Leid und
Übel, von Verleumdung und Ungerechtigkeit. Gegen unbillige Vorwürfe oder Ungerechtigkeit wehrt sie sich.
Der tapfere Unternehmer muß bereit sein zur geistig-politischen Auseinandersetzung. Seine Antipoden sind jene Kräfte, welche die Wirklichkeit an utopischen oder reaktionären Weltbildern messen, die den Blick für das Machbare verloren haben. Der Unternehmer muß ein nüchterner, von der Klugheit geleiteter realistischer Optimist sein, kein Opportunist.

Das Maß

Die Tugend des Maßes ist jene Verhaltensweise, die den Menschen befähigt, vernunftgemäß zu leben und mit Augenmaß politisch oder wirtschaftlich zu handeln.
Für den Politiker und Unternehmen hat diese Tugend eine doppelte Dimension, eine private und eine unternehmerische. Die private Dimension betrifft die eigene Lebensführung. Wird das individuelle Maß in den Genüssen des Lebens beachtet? Nur ein gesunder Politiker oder Unternehmer kann auch geistig beweglich sein und seine Aufgaben erfolgreich erfüllen.
Die Frage nach dem Maß stellt sich aber auch angesichts des Fusionsfiebers, das grassiert. Ist Größe das einzige Erfolgskriterium? Zweifel sind erlaubt. Die Logik und die menschliche Erfahrung lehren: Es gibt kein unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum. Märkte haben ihre Grenzen. Die Richtigkeit dieser Feststellung läßt sich an zahlreichen Beispielen der alten und neueren politischen Geschichte und dem Schicksal großer Industrie- oder Handelsimperien nachweisen.
Das Maß, die temperantia, als die vierte Kardinaltugend kann auch als die Tugend der „Zucht“ bezeichnet werden. Leider gibt es Manager, die auch in ihrem Finanzgebaren und bei ihren Gehältern unzüchtige, zügellose Gesellen sind. Man kann nur hoffen, daß der Deutsche Corporate Governance Kodex, der unter Vorsitz von Gerhard Cromme neue Regeln aufstellte, auch befolgt wird.
Auch die Präsidenten der NRW-Arbeitgeberverbände, des Handwerkstages und der Vereinigung der Industrie- und Handelskammern formulierten im März 2005 einen Text, der die moralische Verantwortung „jedes einzelnen, aber vor allem auch die der Unternehmer“ betonte. Die umfangreiche Stellungnahme der NRW-Wirtschaft ist trotz sprachlicher Schwächen beispielhaft. Wenn in anderen Bundesländern die Unternehmer ähnliche Manifeste verfassen würden, dann könnten manche linke Genossen, ob sie aus dem Sauerland oder dem Saarland kommen, sich ihre Kapitalismuskritik sparen.
Trotz aller Irritationen, trotz Stimmengewirr und Heuchelei, die heute mehr denn je zuvor einen Moralverfall in Politik und Wirtschaft befürchten lassen: Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und auch auf den Heiligen Geist ist angesagt. Das berechtigt keineswegs, die Hände nur zu falten oder in den Schoß zu legen. Für die politische und wirtschaftliche Führungsriege, ebenso wie für jeden einzelnen, gilt heute wie seit jeher: Engagieren, kämpfen, zur Wahrheit stehen. Denn die gibt es.



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