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Länderheft
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Wo sind die Baustellen, wo die Menschen? Ein kleiner Kulturvergleich. Anflug auf Deutschland Boomland China – Krisenland Deutschland? Reisegedanken, notiert 33.000 Fuß über der Erde, von Hans J. M. Manteuffel.
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 Arbeitsplatz mit starken Aussichten: LTU-Piloten bei der Arbeit
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Füße ausstrecken. Ich blicke mich um. Schlafende, Lesende, und hier und da das blaue Licht von Laptop-Monitoren. Bin wohl nicht der einzige Deutsche in diesem Flieger, den es in Geschäften nach China gezogen hatte und der nun durch eine lange Nacht Richtung Heimat reist. Langstreckenflüge sind beizeiten Refugien des rasenden Stillstands. Zeit für Gedanken. Gedanken zum Beispiel an mein Gespräch mit meinem Geschäftspartner in Shanghai. „Wußten Sie eigentlich, daß es in China über 100 Städte mit mehr als einer Million Einwohner gibt?“ Nein, wußte ich nicht. Aber gefühlt habe ich den dramatischen Unterschied der Bevölkerungssituation zwischen uns und Städten wie Shanghai oder Hongkong jedes Mal. Wiederkehrend aus Asien, erscheint mir die Heimat jedes Mal regelrecht entvölkert, Provinz. Wo sind die Menschen? Von den 15 (oder sind es bereits 18?) Millionen Einwohnern der chinesischen Boomtown scheint ständig die Hälfte auf den Beinen zu sein. 15 Millionen – in einer einzigen Stadt! Bei uns trifft man eine vergleichbare Menge vielleicht zur Rushhour in allen europäischen Metropolen zusammen. Aber nicht en bloc. Das ist der erste, augenfällige Unterschied, wenn man aus China zurückkommt. Der zweite: Es gibt bei uns keine, oder kaum Baustellen, jedenfalls nicht im Vergleich. Ganz abgesehen davon, daß man dort oft auch nachts, sechs Tage die Woche lang, ackert. Und mal eben mit 400 Sachen zum Airport rauscht. Leiser als Autos, mit dem Transrapid.
„Deutsche Angst“
Dritter Gedanke, während ich von einer in die andere Kultur durch die Luft düse: Die Gesichter in Deutschland. Mehr grau und gestreßt, wenig Zuversicht ausstrahlend. Irgendwie passend zu dem, was meine amerikanischen Freunde selbst in ihrer Landessprache mit „deutsche Angst“ bezeichnen. Naja, nicht alle, korrigiere ich mich. Und denke an anpackende Geschäftsfreunde, an optimistische Kollegen, an glückliche Kindergesichter und die zukunftsstrotzenden Gesichter der jungen Freunde meines Sohnes. Die Stewardess reicht Saft. Freundlich und gar nicht so grau auch sie. Grund meiner Reise war eine Vortragsverpflichtung über internationales Steuerrecht in den Finanzmetropolen. Die Zuhörer, in Sonderheit gestandene Unternehmer, Anleger und Banker mit dem Blick fürs Wesentliche – nämlich Investitionspotential im Reich der Mitte – vernahmen es mit Interesse. Der Markt bietet Chancen, keine Frage. Die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sind schließlich Legende: Exportierten deutsche Unternehmen 1972 Waren für gerade 270 Millionen Euro, waren es 2004 mit über 20 Milliarden Euro gut 70mal mehr. Und bei den Importen mit über 30 Milliarden etwa 170mal mehr. Das weckt Phantasien. Was hier nicht mehr geht, funktioniert sicher dort? Zumal es der dortigen Regierung gelang, mit geld- und zinspolitischen Maßnahmen einen Entwicklungsprozeß einzuleiten, der eine Wachstumsrate per ultimo von 9,5 Prozent erbrachte. Als sechstgrößte Volkswirtschaft, drittgrößte Handelsnation mit über 600 Milliarden US-Dollar und den weltweit zweithöchsten Devisenreserven eine in der Tat verlockende Größe in der Weltwirtschaft. Die müssen sich fühlen wie wir in den 50er bis 70er Jahren.
Wir müssen uns teurer verkaufen
Dennoch: Wir haben was zu bieten, immer noch. Sind Export-Weltmeister. Das heißt: Wir haben attraktive Produkte, Verfahren, Maschinen, Anlagen und Güter, die andere nachfragen. Wäre Deutschland eine Firma: An den hergestellten und angebotenen Produkten kanns kaum liegen. Klar, die Arbeitslosen drücken aufs politische Gemüt. Doch: Durch diesen Prozeß müssen wir durch. Vollbeschäftigung war schon immer eine Illusion. Und glauben Sie nicht, Arbeitslose seien in China oder Hongkong unbekannt. Die Zahl dort wächst, genauso wie die Preissteigerung. Obendrein haben wir in vielen Bereichen ein Spitzen-Know-how, das wir – leider allzu oft – gleich mit exportieren. Hier müssen wir uns teurer verkaufen. Will sagen: Besser aufstellen. Cleverer sein. Das Kabinenlicht geht an. Gleich gibt’s Frühstück. Und in zwei Stunden die Landung. Auch nach der so-und-so-vielten Asien-, China-, Hongkong-, Singapurreise freue ich mich immer noch mit ganzem Herzen auf mein Land. Mag es brummen, wie es will, in China. Ich fühle ich mich immer noch wohl in Deutschland. Und bin fest überzeugt, daß mein Land alle Chancen hat. Chancen, die unsere Kinder und Enkel ergreifen werden. Pisa hin, Pisa her. Klar, wir müssen besser werden. Der Wettbewerb wird nicht leichter. Das war früher aber im Prinzip auch nicht viel anders. Doch das Potential dazu haben wir. Auch die Köpfe. Nur das Denken darin, das muß sich ändern. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, hoffentlich bessere nach dem 18. September, weiß ich: Auch nach der nächsten Asienreise kehre ich gerne wieder heim – in die ‚deutsche Provinz’.
Der Langenfelder Rechtsanwalt und Publizist Hans J. M. Manteuffel ist Herausgeber des Wirtschaftsbriefes Czerwensky intern
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