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Wirtschaft lebt nicht nur von den Großen. Ein Plädoyer für Kleinunternehmer Überleben im Zeitalter der Globalisierung Nur noch zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in Deutschland ist in der Großindustrie tätig. Umso mehr steigen bei mittelständischen Unternehmen ein. Eine Feldrecherche von Wladimir Kaminer.
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Das hatte ich schon lange vermutet, konnte es aber nie beweisen: Die Beschäftigungsstatistik legt nun nahe, daß weniger als 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in Deutschland in der Großindustrie tätig ist. Die Produktion von Massenware wird zum größten Teil also nicht mehr von Männern mit Schutzhelmen gewährleistet, die man gelegentlich im Fernsehen sieht, wo sie aufgebracht für ihre Arbeitsplätze und Löhne demonstrieren, sondern von anspruchslosen Robotern, die außer Strom so gut wie nichts brauchen. Sie sind so programmiert, daß allein diese Produktion von Massenware der Sinn ihrer Existenz ist. Die Welt der Holdings und Multis weicht immer mehr vom real existierenden Arbeitsmarkt ab. Lebendige Menschen haben in den Großbetrieben kaum noch was zu suchen. Zwar sind zur Zeit noch angesichts der steigenden Stromkosten die Osteuropäer und die Chinesen den Robotern eine starke Konkurrenz, doch früher oder später wird es der Großwirtschaft bestimmt gelingen, die Produktionskosten gen Null zu senken. Entweder werden sie solche Roboter erfinden, die unter Umständen bereit wären, auch ohne Strom zu arbeiten, aus einprogrammierter Überzeugung quasi, oder sie werden die bereits bewährten Roboter mit den zahlreichen deutschen Windkraft- beziehungsweise Biogasanlagen kurzschließen. Ab und zu ruhig mal pleite gehen
So oder anders werden die schlauen Manager einen Weg finden, die letzten Arbeiter aus der Massenproduktion zu verjagen. Je weniger Menschen bei den großen Betrieben tätig sind, um so mehr steigen bei den mittelständischen Unternehmen ein, diese Tendenz ist seit drei Jahrzehnten steigend. Laut Statistik ist schon heute fast das ganze Land in kleinen Betrieben untergekommen. Das kann ein Lebensmittelladen, eine Elektrofirma oder eine Kneipe sein – zu einem mittelständischen Betrieb zählt jeder, der weniger als 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Über 90 Prozent aller Kleinbetriebe haben weniger als 20 Beschäftigte. Die Kriterien für ein mittelständisches Unternehmen sind einleuchtend – es muß eine Wirtschaftsweise ausüben, bei der es nicht auf die Menge ankommt (das heißt für eine Kneipe: zum Beispiel nicht gleich alle Kunden bis zum Deckel abzufüllen). Außerdem – Flexibilität aufweisen, eine geringe Wettbewerbsfähigkeit haben, ab und zu ruhig mal pleite gehen... Und das wichtigste Kriterium – anders als bei den Großkneipen, die in ihren unzähligen Filialen anonyme Roboter am Tresen einsetzen, muß ein mittelständischer Schuppen stark durch die Persönlichkeit des Unternehmers geprägt sein. Diese Personifizierung ist der größte Trumpf eines Kleinbetriebes, wenn es ums Überleben in Zeiten der Globalisierung geht. Alle meine Nachbarn, Freunde und Bekannten sind laufend bei den unterschiedlichsten kleinen Klitschen beschäftigt, wenn sie nicht gerade arbeitslos sind. Die Karrieren, die sich hier die meisten zulegen, können sehr verwickelt sein und zeugen von großer Flexibilität. Vom Schuhverkäufer zum Solariumsbesitzer, vom Übersetzungsbüroleiter zum Fotolabormitarbeiter – ist es oft nur ein kleiner Schritt. Jeder Tag bringt eine Pleite und eine Neugründung auf unsere Straße. Entlassung unter der U-Bahnbrücke
Während ich diese Zeilen in einem mittelständischen Café schreibe, versucht draußen ein musikalischer Kleinbetrieb, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Direkt mir gegenüber vermarkten unter einer U-Bahnbrücke fünf Musiker ihren Rock-n-Roll an das vorübergehende Publikum. Dieses Kleinkollektiv ist sogar durch die Persönlichkeit seines Trompeters zu stark geprägt. Der Trompeter übertreibt es deutlich mit seiner Eigeninitiative und Risikobereitschaft, er bläst dermaßen schräge Töne, daß die Fußgänger vor lauter Angst zur Seite springen oder bei Rot über die Straße weglaufen. Die Arbeit in einem mittelständischen Betrieb ist ohne Rücksicht auf die Kollegen nicht denkbar, bald wird es auch unter dieser U-Bahnbrücke Entlassungen geben.
Wladimir Kaminer ist Buchautor („Russendisko“, „Ich mache mir Sorgen, Mama “)
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