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Vampire in Aktion

Beim Frühstück liest Leon als Schlagzeile in der Zeitung: „Großunternehmen entläßt Mitarbeiter trotz hoher
Rekordgewinne". Leon kann es nicht fassen. Was soll das? Die da oben machen dick Kohle, und trotzdem schmeißen sie die Leute einfach raus. Autor Chen-Loh Cheung begleitet seinen fiktiven Angestellten Leon – und erklärt ihm in einfachen Worten, wie Wirtschaft funktioniert.


So lebt er, der Unternehmer. Porsche-Sause mit Sekretärin auf Mallorca. Denkste.

Während der Fahrt zur Firma geht Leon das Thema Wirtschaft nicht aus dem Kopf. Ich kann mich noch so sehr über die Wirtschaft ärgern, entkommen kann ihr niemand. Wo soll ich sonst meine Brötchen verdienen? Nicht zu arbeiten, kann ich mir auch nicht vorstellen. Die Arbeit in der Produktion von Eßbestecken macht mir sogar Spaß. Zum Glück finden unsere Eßbestecke so viele Käufer. Aber gleich darf ich wieder meinen Chef sehen. Wir nennen ihn alle in der Firma Graf Dracula aus Mallorca, weil er ein Schweinegeld mit den Eßbestecken verdient und uns zu wenig bezahlt. Außerdem genießt dieser Blutsauger die Wochenenden auf seiner Mallorca- Villa mit Blick aufs Meer.
„Warum ist er Chef und nicht ich?“, fragt sich Leon. Warum fahre ich nur einen Ford und nicht einen Porsche? Mit seinem dicken Bankkonto hat dieser Graf Dracula doch ein sorgenfreies Leben, während ich das Geld für mein neues Auto zusammenkratzen darf. Hinter meinem Rücken lästern sie bestimmt über meine Schrottkiste. Manager, Unternehmer, Chef, egal wie sie heißen: Sie halten sich doch alle für etwas Besonderes. Sie glauben zu wissen, was jeder von uns machen soll. Ja, und sie protzen alle mit ihrem Geld und Erfolg. Wer nicht genauso wie sie ist, auf den blicken diese Typen doch herab. So ein arrogantes Volk. Dabei sind das alles nur arme Schweine. Sie hetzen dem Geld hinterher und kriegen schnell ihren ersten Herzinfarkt. Dabei vergessen sie, wie das wirkliche Leben aussieht. Ich lasse mich nicht von der Wirtschaft auffressen. Wer sich zu sehr auf die Wirtschaft einläßt, der wird am Ende zu einem Graf Dracula – wie mein Chef. Bloß nicht! In diesem Moment kommt Leon auf dem Firmenparkplatz an. Wie immer ist sein Chef schon da, und auf dem besten Parkplatz steht natürlich dessen Porsche. Als Leon aussteigt, sieht er die ersten Kollegen. "Und wieder ein Tag, wo wir diesen Graf Dracula mit unserer Maloche noch reicher machen."

Leons Blutdruck

Ohne die Wirtschaft könnten wir nicht leben, aber mit ihr macht das Leben auch nicht immer große Freude. Leon als Mitarbeiter in einer Eßbesteck-Firma ist in der Welt der Wirtschaft wie so viele von uns gefangen. Würde Leon mit mehr Kenntnis der Zusammenhänge die Welt der Wirtschaft entspannter, weniger kritisch sehen? Machen wir einen Versuch. Setzen wir Leon gewissermaßen eine Wirtschaftsbrille auf.

Wie wird man Vampir?

Leons Chef war früher kein Vampir, sondern nur ein Mitarbeiter wie er. Und heute verdient er wahrscheinlich mehr Geld, als er je ausgeben kann. Die Eßbestecke des Unternehmens verkaufen sich weltweit wie warme Semmeln. Wie wird man ein Vampir und was machen Vampire den ganzen Tag?
Um ein Vampir zu werden, braucht sein Chef die richtige Geschäftsidee, die erforderlichen Fähigkeiten und genug Geld für Investitionen. Am Anfang steht immer eine Geschäftsidee, die Erfolg verspricht und motiviert. Die Fähigkeit, als Unternehmer erfolgreich zu arbeiten, muß man bereits haben oder sich ganz schnell aneignen.
Niemand kann ein Unternehmen gründen, wenn er nicht in die Ausstattung und die Einstellung von Mitarbeitern investiert. Sein Chef muß hier nicht sein eigenes Geld ausgeben; geliehenes Geld als Kredit von den Banken geht auch. Er muß dann die richtigen Ressourcen für das Unternehmen auswählen. Zur Herstellung von Eßbestecken braucht er andere Maschinen als für Badeenten. Und er braucht die richtigen Mitarbeiter. Sein Chef spezialisiert sich deshalb auf Eßbestecke, weil er hier große Erfolgschancen sieht. Im Wettbewerb
mit anderen Unternehmen behauptet er sich aufgrund der Qualität, des guten Namens und des günstigen Preises der Eßbestecke. Stets hat sein Chef ein Gespür für die Wünsche seiner Kunden.
Jeden Tag muß sein Chef, dieser Vampir, Wirtschaftsregeln im Unternehmen richtig umsetzen. Die Belohnung dafür ist der Erfolg und die relative Sicherheit der Arbeitsplätze für seine Mitarbeiter. Leon weiß nun, wie jemand ein Vampir wird und was er den ganzen Tag macht: Himmel und Hölle für den Erfolg in Bewegung zu setzen! Das ist ihm alles eine Nummer zu groß – das Leben als Vampir.


Diplom-Vilkswirt Chen-Loh Cheung ist Fachchinese, aber gibt in seinem Buch „Valeries Fischrestaurant oder Wie Wirtschaft funktioniert“ anhand eingängiger Beispiele und einfacher Worte eine Orientierung im Dschungel der Wirtschaft (Hanser Fachbuchverlag, ISBN: 3-446-40696-4, 12,90 Euro)

Streß ohne Ende

Der Chef von Leon steht mit seinem Unternehmen im Wettbewerb um den Kunden mit vielen anderen Unternehmen. Der Kunde hat dadurch eine große Auswahl an Eßbestecken. Aber sein Chef ist im Wettbewerb erfolgreich. Das Unternehmen wächst und stellt wieder neue Mitarbeiter ein. Leon ist optimistisch, daß sein Arbeitsplatz auch in Zukunft sicher ist. Aber das hängt vom weiteren Erfolg im Wettbewerb um den Kunden ab.
Leon fragt sich: Wo sind diese Kunden , die ihm tatsächlich seinen Arbeitsplatz bezahlen? Bei Eßbestecken geht es um ein Produkt, das jeder bereits hat. Natürlich gibt es auch Länder, wo die Menschen eher mit Stäbchen oder mit der Hand essen. Aber auch dort finden wir Eßbestecke. Wie bei so vielen Produkten im Alltag sollen wir sie kaufen, obwohl wir sie eigentlich gar nicht brauchen.
Es gibt einige Möglichkeiten, mit denen wir trotzdem Erfolg haben können. Die Zufriedenheit des Kunden kann Leons Unternehmen steigern, wenn es bessere Qualität, günstigere Preise oder einen guten Namen anbietet. So gesehen klingt es für Leon plausibel, warum sein Chef so großen Wert auf diese drei Dinge legt. Ständig will sein Chef die Qualität der Produkte steigern. Viel Geld fließt überdies in die Werbung, um den Namen der Produkte und den des Unternehmens noch bekannter zu machen. Und jeden Monat hört Leon, wie sich die Preise der wichtigsten Unternehmen im Wettbewerb verändern oder nicht.
Aber um die Qualität der Produkte zu steigern, muß das Unternehmen Geld in neue Maschinen und Mitarbeiter investieren. Und dieses Geld kommt von den Gewinnen. Selbst wenn das Unternehmen Geld durch Kredite von Banken bekommt und dafür Zinsen zahlt, muß es trotzdem auf Dauer Gewinne erzielen. Die Einnahmen aus den Verkäufen an den Kunden müssen folglich höher sein als die Ausgaben für Produktion, Werbung, Mitarbeiter, Zinsen und Steuern.
Leon sagt sich, der Kunde ist eigentlich überall und nirgendwo zugleich. Weltweit verkaufen erhöht unsere Chance, ihn zu finden. Nachdenklich stimmt ihn der Gedanke, daß der Kunde jederzeit wieder verschwinden kann. Niemand muß unsere Eßbestecke kaufen. Ach, da soll sich der Chef den Kopf zerbrechen. Wozu ist er sonst der Chef?

Mehr Lohn – Unser gutes Recht

Leon will eine Lohnerhöhung für seine gute Arbeit im Unternehmen. Er fühlt sich benachteiligt, wenn er die Löhne seiner Kollegen in anderen Unternehmen für vergleichbare Arbeit sieht. Und die Löhne steigen ja allgemein in der Wirtschaft an. Mehr Lohn ist sein gutes Recht, findet Leon.
Er und seine Kollegen sind Ressourcen für das Unternehmen zur Herstellung von Eßbestecken. Seinen Lohn zahlt zwar sein Chef aus, aber das Geld kommt tatsächlich von den Kunden. Die Zufriedenheit des Kunden entscheidet also letztlich über alles. Das heißt, daß selbst gute Arbeit nicht automatisch zu mehr Lohn führt. Ein Tischler baut Schränke, die sich gut verkaufen lassen. Ein anderer Tischler baut auch Schränke, die aber wegen des Designs kein Kunde haben will. Beide machen gleich gute Arbeit, aber der eine verdient mehr als der andere. Ohne die Einnahmen durch den Verkauf von Eßbestecken fehlt das Geld zur Bezahlung der Mitarbeiter. Und ohne die Einnahmen kann sein Chef keinen Gewinn machen. Nur wenn die Einnahmen höher als die Ausgaben sind, macht sein Chef auch Gewinne.
Ewige Streitfrage ist natürlich, wieviel Gewinn beim Chef bleibt und wieviel davon als höherer Lohn an die Mitarbeiter geht. Als unfair würde es Leon empfinden, wenn jemand für weniger Leistung im Unternehmen den gleichen Lohn wie ein Leistungsträger erhält. Unter diesen Umständen hätte ein Leistungsträger wie er kaum die Motivation, mehr zu arbeiten und besser zu sein. Wenn das Leistungsprinzip gilt, dann muß mehr Leistung auch mehr Lohn bedeuten. Ob jemand mehr leistet, hängt von Ressourcen, Motivation und Fähigkeiten ab. Nicht jedes Unternehmen stellt seinen Mitarbeitern als Ressourcen die modernsten Maschinen und Computer zur Verfügung. Auch hat nicht jeder Mitarbeiter die gleiche Motivation und die gleichen Fähigkeiten, wie Leon zu gut weiß. Sein Chef, der Kunde und das Leistungsprinzip entscheiden als Richter über die Höhe der Löhne. Mehr Lohn ist nicht immer Leons gutes Recht. Manchmal sagen die Richter Ja, manchmal Nein.

Reich und Arm – Ständiger Streit

Leons Chef fährt das teuerste Auto im Unternehmen und hat den besten Parkplatz. Nach der Arbeit sieht Leon abends im Fernsehen, wie reiche Menschen sich auf Partys vergnügen oder auf ihrer Yacht in der Karibik segeln. Nicht, daß Leon selber eine Yacht besitzen will, aber so viel Geld hätte er schon gerne. Er findet diesen Unterschied zwischen Reich und Arm ungerecht. Der Unterschied zwischen Reich und Arm entstand nicht erst durch die moderne Wirtschaft. Es gab ihn schon immer. Früher spielte die Herkunft der Familie und die Erbschaft eines Vermögens eine große Rolle. Ein Adeliger war stets reicher als jeder Bauer. Heute kann ein Mitarbeiter durch Leistung und Glück aufsteigen. Und ein Reicher kann sein Vermögen auch wieder verlieren durch Verschwendung, Pleite seines Unternehmens oder Spekulation mit Aktien.
Der Schlüssel auf dem Weg nach oben oder um oben zu bleiben, sind Geld als Ressource, Motivation zur Leistung und fachliche Fähigkeiten. Zwar kann es jemand ohne Geld durch Leistung und Glück zu etwas bringen, aber dafür muß er häufig doppelt so hart arbeiten. Leon sieht hier wieder eine Ungerechtigkeit. Würde man den Reichen ihr Geld wegnehmen und an alle gleich verteilen, dann hätten die Armen mehr Wohlstand. Aber dann würden die fehlen, die genug Geld für Investitionen in einem Unternehmen hätten. Und nur durch Investitionen entstehen neue Arbeitsplätze. Die Gründung und Leitung eines Unternehmens kosten viel Geld. Wer viel Geld hat, kann leichter viel Geld investieren.
Natürlich geht ohne die Leistungen der Mitarbeiter in der Firma nichts. Aber die Armen brauchen die Reichen dringender als die Reichen umgekehrt die Armen. Diese Vorstellung erzeugt bei Leon eine Gänsehaut. Zum Glück ruft seine Frau Sophie ihn zum Essen. Sie ist begeistert vom neuen Eßbesteck aus seinem Unternehmen. In diesem Moment ist Leon stolz auf seine Arbeit und kann wieder lächeln.



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