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Die Eliten fehlen

Jedes Volk, jede Kultur, hat immer nur auf Zeit eine Spitzenposition besetzt und dann den Stab weitergegeben oder weitergeben müssen. Im Westen mehren sich die Zeichen, daß der Zeitpunkt für diesen Stabwechsel nahe gekommen ist.


Symbol für den Bruch des inneren Zusammenhalts unserer Gesellschaft:

Das ist keine Untergangsvision, sondern die Aufforderung, sich bestimmter Veränderungen bewußt zu werden, auf sie einzugehen und ihre Chancen zu nutzen – meint Professor Dr. Meinhard Miegel.

Die Völker des Westens, namentlich Westeuropäer, Nordamerikaner und Japaner, haben bei der Mehrung ihres materiellen Wohlstands im Vergleich zur übrigen Menschheit einen weiten Vorsprung erlangt. Wenn ihnen heute pro Kopf das rund 17fache dessen zur Verfügung steht, was andere Völker haben, dann ernten sie die Früchte einer Entwicklung, die vor Jahrhunderten begann, jetzt aber ihren Höhepunkt überschritten hat. Andere Völker sind dabei, den Vorsprung aufzuholen. Sie werden schneller, während der Westen langsamer wird. Deshalb ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ausreißer vom Hauptfeld wieder eingefangen sein werden.
Etwas anderes zu erwarten ist völlig unhistorisch und illusionär. Die Menschen spüren das und sind entsprechend verunsichert. Zu lange schon haben sie immer die gleichen Versprechen gehört: Wachstum, Wohlstand, Erwerbsarbeit, soziale Gerechtigkeit. Doch bei der Verfolgung dieser Ziele sind die Völker des Westens seit Jahrzehnten kaum noch voran gekommen. Von einigen technischen Errungenschaften abgesehen, befinden sie sich – nüchtern betrachtet – seit mindestens einer Generation in einem Zustand hektisch-lärmenden Stillstands.

Keine guten Nachrichten für den Westen

Hierzu tragen zahlreiche Faktoren bei. Dem Westen fällt es immer schwerer, dem Druck der übrigen Welt standzuhalten. Am bedeutsamsten ist die Tatsache, daß immer mehr Volkswirtschaften dem Westen auf dessen ureigenstem Feld Paroli bieten, dem Feld der Wirtschaft. Jeden Tag kommen annähernd 200.000 Erwerbspersonen neu auf den Weltarbeitsmarkt, von denen ein stetig wachsender Anteil genauso qualifiziert und mindestens ebenso motiviert ist wie die westlichen Erwerbsbevölkerungen qualifiziert und motiviert sind. Im Gegensatz zu diesen sind sie jedoch noch immer äußerst genügsam.
Über kurz oder lang findet eine globale Nivellierung der Arbeitskosten statt, und wer glaubt, daß deren Niveau dem derzeitigen des Westens entsprechen werde, ist ein Fantast. Oder genauer: Bei gleicher Produktivität werden künftig weltweit ähnliche Einkommen erzielt werden.
Für den Westen ist das keine gute Nachricht. Dann werden nämlich seine Erwerbsbevölkerungen feststellen müssen, daß sie vielen anderen Völkern nicht mehr turmhoch überlegen sind und folglich ihr derzeit noch turmhoch höherer Lebensstandard auf tönernen Füßen steht.
Die Anstrengungen, dies alles zu verdrängen, sind immens, und noch nähren vor allem Politiker die Hoffnung, jene historisch einzigartigen Vorsprünge könnten wieder hergestellt oder die noch bestehenden zumindest gehalten werden. Sie übersehen dabei, wie nachhaltig die Völker des Westens durch die generationenlange monomane Verfolgung ökonomischer Ziele zerrüttet worden sind. Dieses Verhalten war Voraussetzung für die historisch einzigartige Mehrung materiellen Wohlstands. Hätten sich die Völker des Westens anders verhalten, hätten sie diesen materiellen Überfluß nie erreichen können. Aber es war und ist kurzsichtig und naiv anzunehmen, daß eine derartige Fokussierung auf das Ökonomische nicht Defizite in anderen Bereichen bewirkt.


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