|
Länderheft
Düsseldorf Bergisches Land Köln - Bonn - Aachen
Kreis Mettmann Metropole Ruhr
Westfalen
Niederrhein
|
Lunch mit... „Hier trägt man seinen Blaumann mit Stolz“ Seit knapp drei Jahren steht Stefan Freitag an der Spitze einer Stadt, die im Zuge einer zukunftsweisenden Ausrichtung auf einen Strukturwandel setzt, bei dem alte Stärken zu neuen Qualitäten entwickelt werden. In der Reihe „Lunch mit...“ trafen Wirtschaftsblatt-Herausgeber Michael Oelmann und der stellvertretende Chefredakteur, Marc Daniel Schmelzer, den Velberter Bürgermeister zum Gespräch.
|
|
Wie auch die umliegenden Kommunen hatte die Stadt Velbert in den vergangenen Jahrzehnten immense Herausforderungen zu meistern. Wie weit ist der Strukturwandel bei Ihnen vorangeschritten? Stefan Freitag: Wir sind auf dem Weg. Ende der achtziger Jahre erging es Velbert wie vielen Kommunen in NRW. Die über Jahrhunderte entstandene Wirtschaftsstruktur schien überlebt; die Anforderungen der weltweiten Märkte verlangten nach neuen Modellen. Auch in Velbert gab es spektakuläre Firmenzusammenbrüche und Abwanderungen in der Industrie. Viele Arbeitnehmer haben ihre Anstellung verloren. Von den Auswirkungen waren Konzerne und Mittelstand wie der kommunale Haushalt gleichermaßen betroffen. Wir standen mit dem Rücken zur Wand.
Wie ist es der Stadt gelungen, sich aus dieser Situation zu befreien? Freitag: Mit viel Energie und gemeinsamem Engagement. Seit Jahrhunderten ist Velbert als die Stadt der Schlösser und Beschläge bekannt. In diesem speziellen Segment hatten sich die heimischen Unternehmen bereits eine weltweite Vormachtstellung erarbeitet. Warum also sollte man diese nicht nutzen? Von jeher braucht der Mensch Schlüssel. Der tatsächliche Bedarf an Velberter Vorzeigeprodukten war also nie strittig. Wichtig war es, einen neuen Ansatz zu finden und zeitgemäße Strategien zu entwickeln.
Anderswo fließen dafür erhebliche Fördergelder... Freitag: Wo dies unentbehrlich ist, hat es seine Berechtigung. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein Strukturwandel nachhaltiger funktioniert, wenn er von innen heraus und aus eigener Kraft passiert. Dabei kann es nicht darum gehen, einen Standort oder einen über Jahre etablierten Wirtschaftszweig und seine Traditionen zu entzweien. Nicht immer liegt die Lösung darin, alles anders und neu zu machen. Wir, und vor allem unsere Unternehmen, haben es alleine geschafft, dass auch in produzierenden Betrieben neue Arbeitsplätze entstanden sind. Während andere Kommunen den Dienstleistungssektor als Allheilmittel gegen konjunkturelle Schwäche propagieren, tragen unsere Arbeitnehmer mit Stolz ihren Blaumann.
|
|
|
Unterstützt die Stadt die Weiterentwicklung der Kernbranche? Freitag: Im Fachbereich der Wirtschaftsförderung haben wir vor drei Jahren die Gründung eines Kompetenznetzwerkes vorangetrieben. Ziel war es, unter neutraler Moderation die Entscheidungsträger aus dem Bereich Schließ- und Sicherheitstechnik an einen Tisch zu bringen. Mit der Durchführung regelmäßiger Veranstaltungen und Erfahrungsaustausche ist es gelungen, intensive Kontakte zwischen den Unternehmen herzustellen und so den Know-how-Transfer zu intensivieren. Mittlerweile ist daraus ein regionaler Verbund entstanden, der in einem eigenen Verein organisiert ist. Im nächsten Schritt steht die Gründung eines Forschungsinstituts in Kooperation mit einer benachbarten Universität auf der Agenda.
Branchenübergreifend wird über den Mangel an Fachkräften geklagt. Wo soll der Nachwuchs für einen so speziellen Industriezweig herkommen? Freitag: Der Fachkräftemangel ist ein sehr ernstzunehmendes Thema. Auch hier spielt der enge Austausch zwischen Unternehmen, Universitäten und Fachhochschulen eine ganz wichtige Rolle. Außerdem halte ich es für außerordentlich wichtig, Jugendliche bereits in der Schule für technische Berufsbilder zu interessieren. Denn, und das wird allen klar sein, kurzfristig ist das Problem nicht zu lösen. Wir setzen deshalb gezielt auf die Zukunft und versuchen, die Stadt Velbert als familienfreundlichen Standort zu positionieren, um begehrten Fachkräften einen zusätzlichen Anreiz für einen Wechsel in die Stadt zu geben.
Ist es nicht gefährlich, die wirtschaftliche Schlagkraft einer ganzen Region auf eine Branche zu fokussieren? Freitag: Natürlich ist es risikobehaftet, wenn man vor allem auf einen Wirtschaftszweig setzt. Allerdings halte ich es im Fall der Region Niederberg für die mit Abstand beste Alternative. Eine Risikostreuung ergibt sich zum einen daraus, dass in Velbert eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen unterschiedlicher Größe die Struktur prägt. Zum anderen verfügen die hiesigen Unternehmen der Schließ-, Sicherungs- und Beschlagstechnik über Kunden in unterschiedlichen Abnehmerbranchen von der Automobil- über die Bau- und Möbel- bis hin beispielsweise zur Werftindustrie. Effektive Wirtschaftspolitik wird nicht am Grünen Tisch gemacht. Es gibt keine Formeln oder Theorien, die Erfolg garantieren. Damit eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung einsetzt, muss man sich nach den Interessen der Wirtschaft richten. Wenn die Unternehmen mitziehen, neue Produkte entwickeln und expandieren wollen, um die Chancen neuer Märkte zu nutzen, wäre es töricht, auf vage Theorien zu setzen, die nur am Reißbrett beste Zukunftschancen versprechen.
|
|
|
Das heißt, Sie wollen die sogenannte Clusterbildung weiter verstärken? Freitag: Um eines ganz klar zu sagen: Auch in Velbert sind Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor herzlich willkommen. Dennoch sind wir daran interessiert, die Kernkompetenz der Stadt weiter auszubauen. Sei es durch die Ansiedlung zusätzlicher Unternehmen, die im Bereich der Schließ- und Sicherheitstechnik bereits tätig sind oder die den Firmen der Branche zuarbeiten. Deshalb haben wir aktuell bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans neben neuen Wohnflächen auch neue gewerbliche Bauflächen als Ansiedlungsflächen ausgewiesen.
Dafür brauchen Sie auch den Rückhalt in der Politik. War das in der Vergangenheit immer einfach? Freitag: Die lokalpolitische Landschaft hat sich in Velbert in den vergangenen Jahren stark verändert. Obwohl im Stadtrat sieben Parteien vertreten sind, haben wir eine gute Arbeitsatmosphäre. Wir haben gemeinsam gelernt, strategisch zu denken und vermeiden Ränkespielchen. Ein solches Umdenken ist für eine erfolgreiche Zukunftsausrichtung unabdingbar. Schließlich geht es nicht nur um das Tagesgeschehen, sondern darum über den Tellerrand zu blicken, um gemeinsam eine Strategie für die nächsten Jahrzehnte zu entwickeln.
Sie sind vor drei Jahren als parteiloser Kandidat angetreten. War das ein Vorteil? Freitag: Solange die Sonne scheint, also alles gut läuft, ist es ohne Zweifel ein Vorteil, weil man eine breitere politische Basis für notwendige Umstrukturierungen mobilisieren kann. Fraglich ist nur, ob man bei Regenwetter jemanden findet, der den Schirm hält… Aber Spaß beiseite: Wir sollten uns in der Kommunalpolitik auch nicht zu wichtig nehmen, denn der Alleinvertretungsanspruch des Rathauses hat sich schon lange überlebt. Viel mehr kann man bewegen, wenn man die eigenen Ressourcen mit denen der Wirtschaft, aber auch mit denen aus dem privaten Bereich, bündelt.
Zahlen sich die Bemühungen der vergangenen Jahre denn schon in barer Münze aus? Freitag: Wir spüren den Aufschwung. Dennoch war der Haushaltsansatz 2006 konservativ kalkuliert. Mit Gewerbesteuereinnahmen von 39,5 Millionen Euro haben wir unser Soll knapp erfüllt. Damit unsere Finanzplanung auf soliden Grundfesten steht, werden wir uns auch im laufenden Jahr keine großen Sprünge erlauben.
Sind Sie neidisch auf Kommunen, denen es finanziell besser geht? Freitag: Nein, kein bisschen. Meine und die Herausforderung aller engagierten Entscheider besteht darin, etwas zu bewegen. In den vergangenen Jahren habe ich gemerkt, wie viel Kraft in dieser Stadt schlummert. Sie kommt mir vor wie ein Riese, der jahrelang geschlafen hat, jetzt wach wird, und sich ganz erstaunt umsieht und seine eigenen Möglichkeiten erkennt. Eine solche Dynamik mitzuerleben, macht sehr viel Spaß.
|
|
Weitere Meldungen: „80 Prozent sind mit mobilen Datendiensten unversorgt“ ...weiter „Der Politik zeigen, dass wir stark sind“ ...weiter „Ein Staat kann nicht einfach abgewickelt werden“ ...weiter „Jeder, der wirtschaftet, sollte Gewerbesteuer zahlen“ ...weiter „Dann gehen wir eben raus aus dem Euro“ ...weiter „Es wird ziemlich schrecklich werden“ ...weiter „2015 sind wir Innovationsland Nummer eins“ ...weiter Gibt es noch regionale Architektur, Herr Miksch? ...weiter
Zum Archiv
|
Seite drucken
|
|