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Forum Die Neanderthaler-Strategie NRW (6/2006) Kooperation und Konkurrenz – beide Verhaltensweisen sind im Menschen angelegt. Sie prägen seit Beginn der Menschwerdung unser soziales und ökonomisches Handeln. Wir können heute vom Ursprung lernen – müssen dazu allerdings unglaublich weit in die Urgeschichte zurückgehen. Ein anthropologischer Exkurs von Professor Dr. Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neanderthal Museums in Mettmann.
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 Die Silhouette des berühmtesten Deutschen auf seinem Fundort in Erkrath bei Düsseldorf
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Auch das Schicksal des Namensgebers meines Hauses – des Homo sapiens neanderthalensis, der im Sommer 1856 von Steinbrucharbeitern entdeckt wurde – ist eng mit dem Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz verbunden. Seine Geschichte verliert sich mit dem Auftauchen des modernen Menschen und provoziert die Frage: Welche der beiden Verhaltensweisen war für den frühen Menschen entscheidend?
Waren wir menschliche Raubtiere?
Auf diese Frage gibt es keine schnelle und vor allem keine einfache Antwort. Denn Kooperation und Konkurrenz sind zentrale innere Kräfte unseres Menschseins. Der archäologische Blick auf den Neanderthaler öffnet allerdings neue Einsichten und die Chance, uns heute im Spiegel unserer Ursprünge zu betrachten: Woher kommen wir? Wie waren wir im Eiszeitalter? Waren wir menschliche Raubtiere? Waren wir offene, humane Wesen? Und: Kann man sich dieser Frage wissenschaftlich überhaupt nähern, oder bleibt man unweigerlich im Dickicht philosophischer Diskurse stecken? Für den gewöhnlichen Kulturanthropologen oder Philosophen abendländischer Prägung ist der Beginn menschlicher Urgeschichte untrennbar mit einem großartigen, befreienden Gewaltakt verbunden: Zeus tötet Kronos, Kain tötet Abel, ein Mörderaffe tötet im Filmklassiker „2001“ seinen Widersacher – die Geschichte beginnt. Aber reichen diese Bilder tatsächlich bis zu unseren Ursprüngen zurück? Unser kulturelles Gedächtnis beginnt mit den ersten schriftlichen Aufzeichnung. Alle frühen Erzählungen – sei es das Gilgamesch-Epos oder sei es die Bibel – berichten von Gesellschaften, deren Existenzgrundlage Ackerbau und Viehzucht waren. Gesellschaften, in denen die Auseinandersetzung um Ressourcen wie Land, Wasser, Vorräte zum Alltag gehörte. Viehnomaden stritten mit Ackerbauern, und Ackerbauern stritten untereinander um Zugangsrechte und Verfügungsgewalt.
Jagen und Sammeln prägte uns vier Millionen Jahre lang
Diese ältesten Dokumente klammern jedoch eine Lebensform völlig aus: Das Jagen und Sammeln. Sie erscheint uns im europäischen Kontext fremd. Dabei war sie bis vor 10.000 Jahren die einzige politische und ökonomische Organisationsform des Menschen weltweit. Sie hat uns seit über vier Millionen Jahren begleitet, sie hat unsere Menschwerdung geprägt und sie hat uns befähigt, alle Lebensräume dieser Welt zu besiedeln – von den Tropen bis zur Arktis. Heute haben sich nur noch versprengte Relikte dieser Lebensform bei indigenen Völkern am Rande der modernen Welt erhalten. Kann es daher überhaupt gelingen, Einblick in diese ferne Vergangenheit der Jäger und Sammler zu erhalten? Wir Archäologen können auf drei große Quellengattungen zurückgreifen. Zum einen gibt es seit dem 17. Jahrhundert einen großen Fundus historischer Aufzeichnungen und ethnographischer Sammlungen zum Leben der letzten Jäger- und Sammlervölker dieser Erde. Sie beschreiben Verhaltensweisen und Organisationsprinzipien, die global erstaunlich einheitlich sind: Das Zusammenleben in kleinen, beweglichen Gruppen ohne ausgeprägte Hierarchie, in denen Führerschaft auf persönliches Können und soziale Intelligenz gründete.
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Die zweite Quellengattung sind archäologische Funde und Befunde. Hundertausende von Werkzeugen und Siedlungsresten aus der Eiszeit dokumentieren menschliches Verhalten. Diese Spuren gilt es zu lesen.
Die dritte Quellengattung sind die menschlichen Skelettreste. Ihre Anatomie und Morphologie sowie direkte Spuren, die das Leben auf ihnen zurückgelassen hat, können wir untersuchen und vergleichen.
Da Jäger- und Sammlergemeinschaften den Ausgangspunkt der menschlichen Entwicklungsgeschichte markieren und in über 99 Prozent unserer Geschichte der einzige Typus gesellschaftlichen Zusammenlebens waren, gilt ihre soziale Konfiguration als Bauplan menschlicher Existenz – ein lang erprobtes und gereiftes Produkt unserer biologischen und kulturellen Grundausstattung mit Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein.
Unsere archäologischen Befunde bestätigen die Erkenntnisse über die letzten Jäger- und Sammlervölker: In der Eiszeit lebten die Menschen in kleinen, mobilen sozialen Einheiten. Ihre Lagerplätze waren überschaubar und ihre Behausungen klein. Die flexible Kleingruppe war das Erfolgsmodell der Humanevolution.
Schon der Neanderthaler kannte soziale Fürsorge
Daß soziale Verantwortung und Fürsorge in menschlichen Gruppen der Eiszeit selbstverständlich war, ist bereits für Neanderthaler gesichert. Manche von ihnen waren zu Lebzeiten durch Verletzungen so behindert, daß sie ohne die Unterstützungen anderer nicht hätten überleben können. Trotz ihrer Behinderungen haben diese Personen ein hohes Alter erreicht. In den Bestattungen der Eiszeit sind keine Anzeichen einer Ausbildung sozialer Hierarchien erkennbar. Grabausstattungen zeigen individuelle Unterschiede in der Qualität und Quantität, erlauben aber keine Systematisierung, die soziale Asymmetrien nahe legt. Die geographische Verteilung spezieller Werkzeugtypen oder Schmuckobjekte bestätigt die Ausbildung weitreichender Netzwerke über ganz Europa hinweg. Die Menschen der Eiszeit waren hoch mobil und kannten riesige Landschaftsräume.
Der Körperbau der ersten Menschen und die Biologie unseres Ursprungs ist ein weiteres aussagekräftiges Merkmal bei der Beurteilung der sozialen Konstruktion des frühen Menschen. Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammengang von dem weichen und dem harten Mittel, die dem Prozeß der Menschwerdung seine einzigartige Richtung gegeben haben. Das harte Mittel meint Werkzeuge aus Stein und anderen Rohstoffen, die Menschen sich geschaffen haben, um ihre Umwelt zu formen und Distanz zu ihr zu gewinnen.
Konzeptionelle Frühgeburt
Das weiche Mittel meint soziale Fürsorge und Kooperation. Denn das außergewöhnliche Gehirnwachstum des Menschen, das weit vor dem Neanderthaler vor mehr als zwei Millionen Jahren einsetzte, erforderte eine völlig neue soziale Struktur menschlicher Gemeinschaft, die sich von der aller anderer Primaten deutlich abhebt. Der menschliche Fötus kommt als konzeptionelle Frühgeburt zur Welt. Um den Geburtsreifezustand anderer Primaten zu erreichen, benötigten wir Menschen eine Tragzeit von 21 Monaten. Dann würde der Kopf allerdings nicht mehr durch den Geburtskanal der Mutter passen. Damit die „Frühgeburt Mensch“ überleben kann, benötigt sie einen „Brutkasten“. Die Gruppe erfüllte in der Eiszeit diese Funktion. Nicht nur die Eltern, sondern alle Gruppenmitglieder waren an diesem Prozeß direkt oder indirekt beteiligt.
Dieses weiche Mittel, Fürsorge und Kooperation, das nur als gemeinsame Aktion der gesamten Gruppe erfolgreich sein konnte, zeichnet den Beginn der Menschwerdung aus. Es gab unserer Geschichte die entscheidende Wendung. Und Kooperation ist bis heute ein „Erfolgsfaktor“.
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