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Eine Ökonomie der Generosität

Wie wäre ein Wirtschaftsleben vorstellbar, das nicht auf den erotischen Impulsen, das heißt dem Begehren, dem Habenwollen, dem Einverleibungstrieb, aufbaute, sondern auf thymotischen Impulsen wie dem Verlangen nach Anerkennung und der Selbstachtung? „Wer als Reicher stirbt, hat Schande über sein Leben gebracht“, zitiert der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk den großen Sponsor Andrew Carnegie und entwickelt in seinem Beitrag eine Ökonomie der Generosität.


Peter Sloterdijk, geboren 1947, ist Professor für Ästethik und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und lehrt an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zuletzt erschienen sind von ihm „Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung“ sowie „Zorn und Zeit“, beide im Suhrkamp Verlag.

Die Griechen nannten das „Organ“ in der Brust von Helden und Menschen, von dem die großen Aufwallungen ausgehen, thymós – es bezeichnet den Regungsherd des stolzen Selbst. In den Lehren Friedrich Nietzsches, dem anregendsten neo-thymotischen Psychologen der Moderne, zeichnen sich bereits Konturen einer latent enthaltenen thymotischen Ökonomie ab. Und es war Georges Bataille, der aus Nietzsches psychologischen Intuitionen die ökonomischen Konsequenzen zu ziehen begann. Er hatte verstanden, dass Nietzsches moralkritischer Impuls in letzter Konsequenz auf eine andere Wirtschaft zielte. Wer die Moral in thymotischen Begriffen neu aufsetzt, muss folgerichtig die Ökonomie thymotisch reformieren. Wie aber wäre die Einführung des Stolzes in die kapitalistische Wirtschaft zu denken, die sich doch offen zum Primat des Profitstrebens, das heißt der Gier, bekennt, eines summa summarum unvornehmen Motivs, das auch von seinen Verteidigern nur mit dem Hinweis gerechtfertigt wird, der unternehmerische Realist sei durch die Vulgarität des Realen selbst zur Unvornehmheit verdammt?
Nietzsches vielzitierte Umwertung aller Werte könnte ihrem erklärten Ziel nie näher kommen, wenn es ihr nicht gelingt, auch die Tatsachen der Geldwirtschaft unter einem veränderten Licht zu zeigen. Wer den Stolz in die Ökonomie einführt, muss entweder wie ein Adliger vor der Französischen Revolution bereit sein, sich dem Prestige des eigenen Namens zuliebe durch ostentative Verausgabung zu ruinieren, oder einen postaristokratischen Weg zur souveränen Verwendung des Reichtums finden. Die Frage lautet also: Gibt es eine Alternative zu dem triebhaften Anhäufen von Wert, zum chronischen Zittern vor dem Augenblick der Bilanz und zu dem unerbittlichen Zwang des Zurückzahlens von Schulden?

Überschießende, gebende Gesten

Die Suche nach der Antwort führt auf ein Feld, auf dem ökonomische und moralische Tatsachen noch nicht leicht unterscheidbar sind. Im Herzen der gewöhnlichen Wirtschaftsweise entdeckt der von Nietzsche inspirierte Kritiker der Allgemeinen Ökonomie die Umwandlung moralischer Schuld in monetäre Schulden. Kaum nötig zu sagen, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise kraft dieser pragmatischen Verschiebung erst ihren Siegeszug beginnen konnte. Die Zeit der Schuld ist geprägt von der Verfolgung eines Täters durch die Konsequenzen seiner Taten – sie endet folgerichtig mit der Verbüßung der Tatfolgen. Indessen heißt Schulden haben nichts anderes, als eine Zeit des Tilgungszwangs durchleben. Während aber Schuld deprimiert, machen Schulden munter, solange sie im Bündnis mit unternehmerischer Energie auftreten. Schuld und Schulden weisen ein entscheidendes verbindendes Merkmal auf: Beide sorgen dafür, dass das Leben des Belasteten an einen in der Vergangenheit geknüpften Knoten gebunden bleibt. Gemeinsam stiften sie einen rückwärtsgewandten Beziehungszwang, wodurch das Gewesene seine Vorherrschaft über das Kommende aufrechterhält.

Die Andere Ökonomie gründet auf der These, dass das Zurückzahlen von Wert eine Fiktion ist, die aus dem zwanghaften Gebrauch des Schemas der Gleichwertigkeit entspringt. Will man die von der Äquivalenzillusion verhexte Sphäre verlassen, hat man das Gleichheitszeichen zwischen dem Genommenen und dem Zurückgegebenen in Frage zu stellen. Mehr noch, man hätte es außer Kraft zu setzen, um einem Denken in Ungleichgewichten Vorrang zu gewähren. Für eine transkapitalistische Ökonomie können darum nur die vorwärtsweisenden, die stiftenden, gebenden und überschießenden Gesten konstitutiv sein. Allein futurisch engagierte Operationen sprengen das Gesetz des Äquivalententauschs auf, indem sie dem Schuldigwerden und Schuldenmachen zuvorkommen.

Auf dem materiellen Sektor entspricht dem die freiwillige Gabe, die keine Kreditgewährung bedeutet und keine bestimmte Verpflichtung des Empfängers beinhaltet. Dieselbe Geste kann sich als Schuldenerlass und als Verzicht auf die gewaltsame Eintreibung eines Darlehens vollziehen. Auch hiermit würde der Primat der Nachträglichkeit und des Rückzahlungszwangs gebrochen. Das Wesen der Gabe besteht darin, den Freiheitsradius der nehmenden Seite zu erweitern, während sie den der gebenden ausschöpft. Diese Geste steigert sich zuweilen bis zur festlichen Verschwen-dung, bei der Geber und Nehmer momenthaft durch ein gemeinsames Hochgefühl verbunden sind, mit möglicherweise langfristig anspornenden Folgen. Sie stimuliert den Stolz des Empfängers, über adäquate Erwiderungen nachzudenken. Ihre höchste Stufe erreicht sie mit der Zuwendung zu Begünstigten, die dem Geber nach Raum und Zeit nicht nahestehen und schon darum nichts zurückerstatten können – Nietzsche hat für diese Form der Verausgabung den klingenden Namen „Fernstenliebe“ gefunden. Die Akte der „schenkenden Tugend“ stellen es der Zukunft anheim, mit den Spenden zu tun, was sie kann und will. Während die gewöhnliche, vom „niederen Eros“ diktierte Wirtschaft in Affekten des Habenwollens gründet, stützt sich die thymotische Ökonomie auf den Stolz derer, die sich frei fühlen zu geben.


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