Wenn es aber darum geht, unscharfe Eindrücke in Informationen zu wandeln und daraus – Verstehen vorausgesetzt – Wissen zu formen, sind wir immer noch auf Typografie angewiesen. Typografie, das ist die Inszenierung einer Mitteilung in der Fläche, so die kürzeste Definition, die ich kenne. Ob Bildschirm oder die Magazinseite, ob Lesetext oder Webseite mit animierten Zeilen – typografische Kriterien bestimmen das Zusammenspiel der Elemente.
Die spröde Geliebte
Typografie ist spröde, denn sie wirkt am besten, wenn niemand sie wahrnimmt. Typografie ist bei vielen Gestaltern nicht besonders beliebt, weil sie keinen Preis gewinnen können mit angemessener Gestaltung, die hinter der Mitteilung zurückbleibt und ihren Dienst am Leser bescheiden wahrnimmt. Allerdings muss sich diese Zurückhaltung nicht in langweiligen, grauen Textwüsten äußern, wie wir sie immer noch aus Publikationen kennen, die vorgeben, objektiv und seriös zu sein. Besonders Wissenschaftler und Ingenieure hegen großen Argwohn gegenüber jeder Gestaltung, die als solche erkennbar ist. Seriös muss aber nicht langweilig sein, und Hässlichkeit verkauft sich schlecht. Andererseits gibt es viel Gestaltung, die sich vor allem damit befasst, die Fähigkeiten des Gestalters am Computer darzustellen und dabei weder dem Inhalt noch den Erwartungen der Leser gerecht wird. Die gute Nachricht ist, dass den Autoren, die zum Lachen in den Keller gehen und diese Einstellung auf die Gestaltung ihrer Drucksachen übertragen, über kurz oder lang die Leser wegbleiben. Gerechterweise geschieht das auch den grafischen Pausenclowns, die jede Mode mitmachen. Sie brechen Regeln, die sie nie gelernt haben, und scheren sich dabei keinen Deut um Kommunikation. Natürlich ist es nötig, die Gültigkeit der alten Regeln immer wieder zu hinterfragen. Erstaunlich ist jedoch, dass bei aller Bewegung, die in unsere Medien – technisch und inhaltlich – gekommen ist, die typografischen Regeln fast intakt überlebt haben. In fünfhundert Jahren haben wir Gewohnheiten entwickelt, die auch der Bildschirm nicht ignorieren kann. Schriften sehen immer noch so aus wie früher, zumindest für das ungeübte Auge. Der Freiraum für Schriftentwerfer (von denen es heute mehr gibt als je zuvor) ist klein, weil wir jede Überschreitung der Konvention sofort als Irritation wahrnehmen. Unbewusst natürlich, aber deshalb um so nachdrücklicher. Die Textschrift dieses Magazins ist gerade zehn Jahre alt und die Headlinetype fast 90. Sie wirken aber frisch und unverbraucht und existieren friedlich nebeneinander, weil sich beide nicht in den Vordergrund drängen. Sie verleihen dem Magazin seine Persönlichkeit. Die Person „Wirtschaftsblatt“ kommt nicht nackt daher, sondern kleidet sich in ein Layout. Die Seitengestaltung macht sie unverwechselbar, aber nicht albern oder selbstgefällig. Wie ein Unternehmen muss auch eine Zeitschrift einen unverwechselbaren Charakter haben, eine Identität. Typografie ist das Handwerk, das diese Identität sichtbar macht. |