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Phönixe aus Müllbergen

Ein Urinal zum Kunstwerk zu erklären und in eine Kunstausstellung zu hängen, löste 1917 einen Skandal aus. Der Künstler, der diesen Skandal bewusst provozierte, war Marcel Duchamp. Der Ausschluss dieses Werkes bei der großen Schau der Society of Independent Artists im New Yorker Grand Central Palace im April 1917 führte zu einer Kontroverse über den zugrunde liegenden Kunstbegriff. Und war zugleich ein Symbol für den Beginn eines neuen Verständnisses von Abfall in unserer Industriegesellschaft. Abfall als Werkstoff. Eine kleine Geschichte des Recyclings in der Kunst.

Von Wolf-Guenter Thiel

Das Objekt des damaligen Skandals, ein signiertes handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft, zählt zu den Schlüsselwerken der modernen Kunst; es ist das erste „ Ready-made“ der Kunstgeschichte. Duchamp wählte das englische Wort für „Fontäne“ anstelle von „Urinal“, um das Pissoir durch Umbenennung und Verfremdung zum Kunstgegenstand zu erheben. Verteidiger der Arbeit aus dem Kreis der New Yorker Dadaisten argumentierten, dass der Künstler einzig und allein durch seine Auswahl einen beliebigen Gegenstand in den Status eines Kunstwerkes erheben konnte, wobei sie dem „gefundenen (Kunst-)Gegenstand“ (Objet trouvé) einen konzeptuellen Aspekt zukommen ließen. Der Vorfall ging unter dem Pseudonym Duchamps als „Richard Mutt Case“ in die Kunstgeschichte ein.
Dada war eine nihilistische Weltanschauungsbewegung. 1916 wurde Dada in Zürich gegründet und schwappte dann auf Berlin, Köln, Hannover, Paris und New York über. Dada formten die Haltung für einen anarchischen Neuanfang der Kultur nach dem 1. Weltkrieg. Die Dadaisten formulierten eine antibürgerliche Antiästhetik, dazu gehörten das Lautgedicht, die Collage und
das „Ready-made“. Angesiedelt zwischen sinnlich überraschender Absurdität und kons­truktiv klarer Vernunft, hat Dada mit seiner lebensbejahenden Kraft weitreichende Denkanstöße für die Kultur und Kunst des 20. Jahrhunderts geliefert. Als Dadaisten werden neben anderen Kurt Schwitters, Goerge Grosz, Francis Picabia, André Breton und Hannah Höch gezählt.

„Aus Sparsamkeit nahm ich, was ich fand“

„Aller Anfang ist MERZ“ so der 1887 in Hannover geborenen Dadaist Kurt Schwitters. Seine dreidimensionale „begehbare Collage“ MERZBAU ist von besonderer kunstgeschichtlicher Bedeutung. Schwitters erläutert 1930, warum er nach Beendigung des 1. Weltkriegs mit MERZ-Kunst begonnen hatte: „Ich fühlte mich frei und musste meinen Jubel hinausschreien in die Welt. Aus Sparsamkeit nahm ich dazu, was ich fand, denn wir waren ein verarmtes Land. Man kann auch mit Müllabfällen schreien und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es MERZ, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist MERZ.“
Mit Merz bezeichnete Schwitters seine Technik, aus Zeitungsausschnitten, Reklame und Abfall Collagen zu erstellen. Als Gegenprojekt zu dem eher destruktiven Dadaismus hatten diese ab 1919 entstandenen Bilder und Skulpturen etwas zutiefst Lebensbejahendes. Der Begriff „Merz“ entstand bei einer Collage aus einer Anzeige der „Kommerz und Privatbank“ und hat Assoziationen zu „Kommerz“, „ausmerzen“, „Scherz“, „Nerz“, „Herz“ und dem Monat März, der für den Frühlingsanfang steht. Im Zentrum seiner Arbeit stand der Merzbau. Der Merzbau war eine grottenartige Collage-Skulptur mit Erinnerungsstücken, an dem Schwitters etwa zwanzig Jahre in seinem Haus in Hannover arbeitete. Er wurde ebenso wie viele seiner Arbeiten bei einem Bombenangriff im 2. Weltkrieg zerstört. Heute ist eine Rekonstruktion im Sprengel Museum in Hannover zu besichtigen.


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