Interview mit Thomas Pagel Auch Räume machen Leute
Bei der Begegnung mit einem fremden Menschen entscheidet sich binnen der ersten Sekunden, wie sympathisch man sich ist – zuerst bestimmt das Äußere. Das sei bei Gebäuden nicht viel anders, so Thomas Pagel. Auch hier wirke die Optik stärker als vielfach vermutet. Im Wirtschaftsblatt-Interview erklärt der selbständige Architekt und Inhaber einer Vertretungsprofessur an der FH Düsseldorf, welche Auswirkungen gezielte Umgestaltungen deshalb auf den Unternehmenserfolg haben können.
Wenn Menschen ein Unternehmen repräsentieren, ist ein gepflegtes Äußeres selbstverständlich. Büroräume und Produktionsflächen hingegen bleiben zum Teil über Jahrzehnte unverändert oder werden in der Pflege vernachlässigt, so Pagel, der seit Jahren im regionalen Vorstand des Bundes Deutscher Architekten engagiert ist.
Herr Pagel, warum sollten Unternehmen hier am Ball bleiben? Thomas Pagel: Die Gewerbe-Architektur ist am Standort ständig und öffentlich präsent. Vielfach ist Unternehmen dabei nicht bewußt, welches Bild ihre Büro-, Produktions- oder Lagergebäude bieten. Vieles paßt nicht mehr zusammen. Vor Generationen errichtete Gebäude wurden nicht konsequent parallel zu den geänderten Arbeits- und Produktionsabläufen mitentwickelt. Stattdessen findet man eine Art „Patchwork“ vor, das die Spuren verschiedener, notwendig gewordener baulicher Veränderungen der Vergangenheit allzu offen zeigt.
Welche Möglichkeiten bietet eine Optimierung? Pagel: Räumlich erlebbare und begehbare Gewerbe-Architektur hat eine subtile und nachhaltige Wirkung, weil sie visuell und emotional berührt und im Optimalfall atmosphärisch vereinnahmt. Damit wird sie zum echten Marketinginstrument. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Firmen-Logo, Fuhrpark oder Messeauftritte zur Charakterisierung des eigenen Leistungsangebotes und der „Unternehmens-Philosophie“ genutzt werden, kann und sollte das Spezifische eines Unternehmens auch durch identitätsstiftende Architektur transportiert werden.
Aber auch nach innen leistet die Gestaltung des Arbeitsumfeldes einen entscheidenden Beitrag zur Identifikation der Mitarbeiter mit ihrer Firma. Verschiedene Studien haben gezeigt, daß die Qualität des Arbeitsumfeldes ganz wesentlich Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Beschäftigten beeinflußt. Das sprichwörtliche „gute Klima“ ist abhängig von einer Reihe von Faktoren, die unter dem Begriff der Behaglichkeit zusammengefaßt werden können. Dazu gehören Raumqualitäten wie Größe, Zuschnitt, Oberflächen, Farbe, Materialien und Raumkonditionen wie Temperatur, Luftfeuchte, Licht, Schall, Akustik.
Die stetig steigenden Energiepreise prägen die öffentliche Diskussion. Kann Erneuerung gegenfinanziert werden? Pagel: Konsequente Gewerbe-Immobilienentwicklung bietet hier zumindest Chancen. Je nach Alter, Standard und Größe kann der Erfolg energieeinsparender Maßnahmen beträchtlich sein, zumal diese Investitionen zum Teil öffentlich gefördert werden. Qualitativ hochwertige und zeitgemäße Architektur wird so zur echten Zukunftsinvestition, die bei guter Planung nicht teurer sein muß, als das übliche und nicht minder deprimierende Einerlei. Sie bietet vielmehr für den Bauherrn und Unternehmer einen Mehrwert, der sich letztlich für ihn auszahlt.