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Zehn Mythen und Fakten in der energiepolitischen Debatte

Innerhalb von nur elf Jahren wird zur Zeit die dritte Energiewende in Deutschland eingeleitet. Dieser Anlauf muss verlässlich und belastbar sein. Doch noch wird die Diskussion mehr von Wünschbarkeiten, als von Realitäten gespeist, meint in unserem Debattenbeitrag Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrat Deutschland.




Der Industriestandort Deutschland braucht eine verlässliche, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung. Um die Energiewende auf ein sicheres Fundament zu stellen und Barrieren bei der Erneuerung der Energieinfrastruktur zu beseitigen, benötigt die Bundesregierung die Unterstützung aller Bundesländer und Kommunen sowie der Bürger und Unternehmen.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Massive Akzeptanzprobleme und überlange Planungsverfahren für Großprojekte und die Modernisierung der Energieinfrastruktur behindern den dringend erforderlichen Bau von Netzen, Speichern und Kraftwerken. Aber auch der Ausbau der Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien, wie Windenergieanlagen und Biomassekraftwerken, gerät zunehmend ins Stocken. Die Gründe dafür sind vielfältig: Verzögerungen durch Behörden (z.B. durch zu geringe Personaldecke bei regionalen Planungsstellen), zeitraubende Widerspruchsverfahren, Sonderklagerechte für Umweltverbände, Verlängerung durch hohe Anforderungen bei der Abwägung und Prüfung einzelner Belange und umfangreicher Stellungnahmen oder Zeitverlust durch veraltete Technik in den Genehmigungsbehörden.

Die Brücke muss tragfähig sein

Keine Frage: Den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft. Damit die Brücke in ein neues Energiezeitalter jedoch auch tragfähig ist, müssen wichtige Kernfragen geklärt werden. Wie kann die „Energiewende“ gelingen, ohne die dringend notwendige Sanierung der öffentlichen Haushalte zu gefährden? Wie lässt sich der zur Integration erneuerbarer Energien notwendige Ausbau von Stromtrassen, Speicherkapazitäten und Kraftwerken beschleunigen? Wie verhindern wir eine Überbelastung von Unternehmen und Bürgern durch den Staat? Wie ist der Ausstieg aus der Kernenergie zu gestalten, damit wir nicht von den Kernkraftwerken anderer Länder abhängig werden? Wie lässt sich die Sicherstellung der Energieversorgung mit unseren ehrgeizigen Klimazielen vereinbaren? Der Wirtschaftsrat hat zur konstruktiven Diskussion dieser Fragen „10 Mythen und Fakten in der aktuellen energiepolitischen Debatte“ zusammengestellt.


Mythos Nr. 1
Die Stromversorgung Deutschlands kann schnell und ohne größere Schwierigkeiten auf erneuerbare Energien und ein dezentrales System umgestellt werden.
Fakten: Um den Anteil erneuerbarer Energien von zur Zeit circa 17 Prozent am Stromverbrauch in neun Jahren – wie von der Bundesregierung angestrebt – zu verdoppeln, sind enorme Kraftanstrengungen erforderlich. Kleinteilig strukturierte Solarstromanlagen und kommunale KWK-Anlagen reichen nicht aus, um den stromintensiven Industrien in Deutschland eine zuverlässige und bezahlbare Stromversorgung zu gewährleisten. Zentrale Offshore-Windparks mit mehreren Hundert Megawatt Leistung werden die Hauptlast des Ausbaus erneuerbarer Energien tragen müssen. Wenn die Stromnetze auf überregionaler und auch auf regionaler Ebene nicht synchron mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien ertüchtigt und in erheblichem Umfang ausgeweitet sowie neue Speichertechnologien entwickelt werden, wird die Energiewende nicht möglich sein.

Mythos Nr. 2
Für die Energiewende müssen nur wenige große Stromleitungen gebaut werden, die auch unter der Erde verlegt werden können.
Fakten: Um Strom aus großen Offshore-Windparks in die Verbrauchszentren zu transportieren, ist der Ausbau der Stromübertragungsnetze unerlässlich. Von den nach bisherigen Erkenntnissen schon bis 2015 notwendigen 850 Kilometern neuen Übertragungsleitungen wurden in den letzten fünf Jahren nur circa 90 Kilometer gebaut. Bis 2020 müssen je nach Technologie zusätzlich bis zu 3.600 Kilometer neue Leitungen gebaut werden, mindestens aber 1.700 Kilometer. Beim aktuellen Bautempo werden hierfür – selbst wenn man die kürzeste Strecke annimmt – 125 Jahre benötigt. Erdkabel verkürzen die Streckenkilometer nicht, erhöhen die Kosten jedoch um den Faktor 4 bis 7. Für den dezentralen Ausbau von erneuerbaren Energien müssen zudem auch auf regionaler Ebene die Verteilnetze massiv ausgebaut werden, was die Stromkunden bis 2020 zusätzlich mit bis zu 27 Milliarden Euro belastet.


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